„Der VAR friert das Glück ein!“

von Redaktion

Große Unzufriedenheit: Konfliktforscher über den Dauerzoff um den Videobeweis

„VAR abschaffen“: Fans üben schon seit der Einführung immer wieder Kritik am Video-Schiedsrichter. © Langer/dpa

Konfliktforscher Andreas Zick arbeitet mit der DFL zusammen. © Uni Bielefeld

„Die Technik ist ein anonymer Akteur“: Es braucht laut Zick eine verantwortliche Person mit Autorität auf dem Platz. © VAUGHAN/EPA

Köln-Trainer Lukas Kwasniok nennt ihn in dynamischen Aktionen „eine Verzerrung des Spiels“, VfB-Stürmer Deniz Undav schlicht „Quatsch“. Seit seiner Bundesliga-Einführung im Jahr 2017 sorgt der Videobeweis im Fußball für Dauerstress. Kaum eine Woche vergeht ohne neue Diskussionen über den VAR. Der Konfliktforscher Prof. Dr. Andreas Zick erklärt im Interview mit unserer Zeitung, warum die Technik nicht automatisch für mehr Akzeptanz sorgt – und weshalb der Videobeweis aus sozialpsychologischer Sicht sogar neue Konfliktlinien schafft.

Herr Professor Zick, der Videobeweis wurde eingeführt, um Konflikte zu reduzieren. Warum scheint er im Fußball oft das Gegenteil zu bewirken?

Das war das Ziel, ja. Aus konflikttheoretischer Sicht war allerdings absehbar, dass eine so umfassende Innovation neue Spannungen erzeugt – vor allem, weil die Fanszene als zentraler Akteur bei der Einführung kaum beteiligt wurde. Da war es erwartbar, dass es Widerstand gibt.

Inwiefern?

Fans reagieren auf solche Eingriffe mit hoher Wachsamkeit. Sie verstehen sich als Teil des Spiels. Wenn dann ein neuer Akteur hinzukommt – der „Kölner Keller“, der VAR –, entsteht ein zusätzlicher Konfliktakteur. Neben Mannschaften, Vereinen, Schiedsrichtern und Fans gibt es nun eine weitere Instanz, die massiv in das Geschehen eingreift. Das verändert das Gefüge.

Was passiert aus konflikttheoretischer Sicht in dem Moment, in dem ein Tor fällt – und Sekunden später wieder aberkannt wird?

In diesem Moment wird das Ritual Fußball gestört. Ein Stadionerlebnis lebt von Emotion, von kollektiver Ekstase. Der VAR friert dieses Glückserlebnis abrupt ein – oder macht es sogar rückgängig. Gleichzeitig suggeriert die Technik eine Präzision, die nicht immer eingelöst wird. Psychologisch führt das zwangsläufig zu Enttäuschung und Kontrollverlust. Und auf Kontrollverlust reagieren Gruppen mit Reaktanz – sie versuchen, ihre Freiheit wiederherzustellen. Das gilt für die Fans – und mittlerweile auch immer mehr für die Trainer.

Hat der Fußball mit dem VAR ein Gerechtigkeitsversprechen abgegeben, das er nicht einhalten kann?

Es war ein faires Anliegen, das Spiel gerechter zu machen. Aber es war naiv zu glauben, man könne damit hundertprozentige Sicherheit herstellen. In keiner wissenschaftlichen Disziplin würde man behaupten, ein technisches System sei absolut fehlerfrei. Jede Berechnung hat eine Fehlervarianz.

Warum fühlt sich eine „objektiv richtige“ Entscheidung für viele dennoch unfair an?

Weil Objektivität nicht mit Gewissheit gleichzusetzen ist. Menschen betten objektive Messwerte immer in ihre subjektive Wahrnehmung ein. Im Sport gibt es kaum einen Faktor, der nicht gleichzeitig interpretiert wird. Schiedsrichterentscheidungen enthalten traditionell Ermessensspielräume. Der VAR kennt diesen Spielraum kaum – oder suggeriert zumindest, ihn nicht zu kennen. Das schafft eine Scheinsicherheit. Und diese Scheinsicherheit irritiert.

Früher entschied eine Person auf dem Platz, heute mehrere Instanzen. Was macht diese Verschiebung mit Autorität?

Es entsteht ein Legitimitätskonflikt. Entweder man wertet die Technik auf – oder man stärkt bewusst die Autorität der Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter. Einige Trainer, die den VAR kritisch sehen, investieren rhetorisch wieder mehr Vertrauen in die Schiedsrichter. Zudem entsteht die Frage: Auf wen richte ich meine Emotion?

Braucht es dafür nicht eine klar erkennbare verantwortliche Person?

Unbedingt. Auf den Schiedsrichter konnte man reagieren, ihn kritisieren oder auch verteidigen. Die Technik hingegen kommuniziert nicht. Sie ist ein anonymer Akteur. Das verstärkt Frustration.

Hilft die neue Kommunikation der Schiedsrichter im Stadion?

Erklärungen sind grundsätzlich sinnvoll. Aber sie lösen das Grundproblem nicht. Es ist ein wenig wie im Zug: Wenn ständig Durchsagen erklären, warum sich alles verzögert, wird die Verspätung dadurch nicht akzeptabler.

Welche Rolle spielt Identität?

Sie ist der Schlüsselfaktor. Die Bewertung des VAR ist eng mit der eigenen Fanidentität verknüpft. Wenn Fans das Gefühl haben, ihre Art, Fußball zu erleben, werde tangiert oder entwertet, reagieren sie kollektiv. Der VAR ist ein kalter Gegner, der nicht auf Fankultur reagiert. Dadurch entsteht das Gefühl, ein Stück Gestaltungsmacht zu verlieren.

Was müsste sich ändern, damit der VAR (besser) akzeptiert wird?

Erstens braucht es klare Regeln für seinen Einsatz. Zweitens eine transparente Aufarbeitung: Wie viele Fehler macht die Technik tatsächlich? Welche Unsicherheiten gibt es? In der Medizin erhalten wir Beipackzettel, selbst bei tausendfach geprüften Verfahren. Der erste Schritt wäre also, eine gewisse Fehlertoleranz offen anzuerkennen.

Halten Sie das für realistisch?

Das müssen andere beurteilen, aber die Verantwortlichen sollten das dringend tun. Denn diesen Konflikt jetzt auszutragen, hilft uns, um vorbereitet zu sein auf die nächste technische Phase, die mit dem Einsatz von KI kommen wird. Wenn diese Fragen offen und ernsthaft diskutiert werden, kann der Konflikt produktiv sein. Wenn nicht, wird er bleiben – und sich womöglich verschärfen.

INTERVIEW: JOHANNES OHR

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