Bei einer Führung durfte die U19 des TSV 1860 in die Zellen gehen. © Stefan Matzke / sampics
Vor dem Wachturm und Stacheldraht: Die hochtalentierten Spieler des TSV 1860 ließen sich auf das besondere Testspiel ein, es ging nicht um Taktik, sondern Verständnis. © Stefan Matzke / sampics
München – Den ersten Tipp gibt es nach wenigen Minuten. „Bleibt’s anständig“, ruft ein Gefangener der U19 des TSV 1860 München zu. Es ist ein besonderer Tag in der JVA Stadelheim. Zwei Welten, die aufeinanderprallen. Die aufstrebenden Kicker aus dem renommierten Nachwuchsleistungszentrum treffen auf dem Rasen auf eine Auswahl von drei Jugendstationen, der Wohngruppe für Erwachsene und der sozialtherapeutischen Abteilung für Gewaltstraftäter. Marco Liebel aus der pädagogischen Betreuung des NLZ hat das Projekt angetrieben und das außergewöhnliche Testspiel initiiert.
Bevor es auf das improvisierte Spielfeld – Gefangene haben dieses Mal die Linien gezogen – vor Stacheldraht, hohen Mauern und dem Wachturm geht, gibt es eine Führung durch das Gefängnis. Es gibt ein Schachfeld, ein Volleyballfeld, eine Sporthalle. Aber dann sind da eben auch die engen Flure, die vielen mehrfach gesicherten Türen, die acht Quadratmeter kleinen Zellen.
„Das Spiel war schon Wochen im Voraus wieder das Gesprächsthema Nummer eins. Jeder Gefangene wollte in der gemischten Mannschaft sein“, sagt Jakob Kauk. Der Justizbeamte hatte im vergangenen Sommer den Stadelheim CUP nach sechs Jahren Pause wiederbelebt, nun sind die Löwen da. Ein Mitarbeiter nahm sich die Zeit, um die zusammengewürfelte Gefängnis-Auswahl auf das Duell vorzubereiten. Und um zu sehen, wer kann überhaupt auf welcher Position spielen?
„Man musste den ein oder anderen bremsen und klarmachen, dass es ein Klassenunterschied wird“, sagt Kauk. „Da ist man schon noch aufgeregter als vor einem Derby“, sagt ein U19-Spieler. Doch schnell wird klar, dass es an diesem Tag nicht um Taktik gehen wird, sondern um Verständnis, um neue Perspektiven. Um die gemeinsame Freude am Fußball, ganz egal welche Vorgeschichte die Personen auf dem Feld haben.
„Bruder, das ist wie Champions League“, ruft ein Gefangener. Es gibt Plakate mit „Alle lieben Giesing“, zahlreiche Mitarbeiter und Inhaftierte versammeln sich rund um den Rasen und feuern an. Die hochtalentierten Löwen-Kicker nehmen das Tempo sichtlich raus, gewinnen am Ende mit 10:7. Jedes Tor der Gefängnis-Truppe wird gefeiert, als wäre es tatsächlich das Finale der Champions League.
Für die Gefangenen gibt es ein Trikot und einen Wimpel des TSV 1860 (werden in der Kammer aufbewahrt und bei der Entlassung mitgegeben), ein Wimpel und die besten Bilder des Tages zieren künftig die Jugendstation. Dort steht auch schon der Pokal des Stadelheim CUPs. „Das war eine bemerkenswerte Erfahrung, die weit über den Sport hinausgeht“, sagt U19-Trainer Jonas Schittenhelm: „Man hat gemerkt, dass die Jungs sich mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Wir werden einiges von dem Tag mitnehmen.“
Es gibt Gefangene, die nach dem Spiel extra nochmal zu den Justizbeamten gehen. `Haben Sie gesehen, wie ich das Tor geschossen habe?`Wenige Stunden, in denen es nicht um Probleme, um Strafen, um Gerichtstermine geht. Nur um das Talent auf dem Platz. „Wenn neue Gefangene kommen, werden die meisten nicht glauben können, dass wir ein Spiel gegen den TSV 1860 hatten“, sagt Kauk: „Diese gemeinsamen Stunden werden immer ein Gesprächsthema bleiben.“
Die U19 fährt in Kleinbussen raus aus den Betonklötzen. Ein Gefangener schreit durch das Fenster seiner Zelle: „Einmal Löwe, immer Löwe!“NICO-MARIUS SCHMITZ