Lange ein Team: Helmut Marko und Verstappen. © IMAGO
Shanghai – Ex-Red-Bull-Chefberater Helmut Marko (82) ist ein gute Messlatte, wenn es um die Bewertung der Formel 1 nach der Regelrevolution geht. Als er noch aktiv war, besuchte er jedes Rennen, schaute sich jede Trainingsession an inklusive der Formel 3 und Formel 2. Das erste Rennen in „Freiheit“ ließ er in seiner Heimatstadt Graz lockerer angehen. „Ich schaute mir am Freitag und Samstag nur das zweite Training beziehungsweise das Qualifying an“, sagte Marko unserer Zeitung und kündigte an, am heutigen Samstag früh aufzustehen, denn der Sprint in Shanghai beginnt schon um 4 Uhr (Sky). Das Hauptrennen startet am Sonntag dann um 8 Uhr.
Die heftige Kritik am neuen Reglement seines ehemaligen Schützlings Max Verstappen und einiger seiner Fahrerkollegen kann der Grazer nachvollziehen. Marko bezeichnet die vielen Überholmanöver in der Anfangsphase in Melbourne als „Augenwischerei, da haben sich doch nur die Batterien gegenseitig überholt“. Für ihn ist es aus Fan-Sicht zu viel Technik. „Überspitzt formuliert: Die FIA sollte bei ihrer Preisverleihung nicht mehr dem Fahrer den Pokal überreichen, sondern dem besten Programmierer“, so Marko, der es bedauert, dass der Fahrer nicht mehr den Unterschied macht. „Das ist, was Max und seine Kollegen meinen: Alles, was sie im Kart gelernt haben, das Fahren am Limit, das späte Bremsen, den speziellen Grip suchen und schneller durch die Kurven fahren, können sie gerade in die Tonne treten. Die Formel 1 muss so schnell wie möglich die Regeln, soweit es möglich ist, anpassen, um den Fahrer wieder wichtiger zu machen.“
Vor allem George Russell hat aktuell kein Interesse an Änderungen, sein Silberpfeil ist zu Saisonstart das Maß der Dinge. Auch Marko hat ein schlechtes Gefühl, was Spannung betrifft – und zieht den Hut: „Mercedes hat wie 2014 (Einführung der Hybridmotoren, d.Red.) wieder den besten Job gemacht.“
Ferrari hat Marko auf dem Zettel, die Lücke schließen zu können – aber auch sein Ex-Team Red Bull. „Dafür, dass sie erstmals mit eigenem Motor antreten, haben sie einen sehr guten Job gemacht. Und auf dem Chassissektor ist auch noch viel Luft nach oben. Und wenn Max dann wieder Blut leckt, könnte sich seine Stimmung wieder etwas verbessern.“
Doch es war aus Red-Bull-Sicht nicht alles schlecht: „Ich war sehr vom Debüt vom 18-jährigen Arvid Lindblad beeindruckt. Gleich im ersten Rennen als Achter in die Punkte zu fahren, ist schon außerordentlich“, sagt Marko, der den Nachwuchsfahrer bei den Racing Bulls „mehr oder weniger gegen Widerstände durchgedrückt“ hat.
Seine größte Sorge bleibt aber, ob Verstappen wieder mehr Lust am Fahren bekommt. „Zum Glück hat er sein GT3-Projekt mit der Teilnahme beim 24-Stunden-Klassiker auf der Nordschleife. Das hält ihn bei Laune.“ Schon vor Jahren schwärmte Max laut Marki von der Nordschleife: „Er wollte einen Demorun mit einem Red-Bull-F1 abhalten. Aber bei mir gingen damals alle Alarmglocken an. Von wegen Demorun! Max hatte das irre Video gesehen, als Timo Bernhard mit einem Le-Mans-Porsche den Rundenrekord knackte. Das wollte Max mit dem Red Bull nochmal toppen. Das war aber ohne Trainingsfahrt für mich zu gefährlich. Deshalb habe ich da einen Riegel vorgeschoben. Ich befürchte aber, den Rundenrekord hat er trotzdem noch im Hinterkopf. Er ist eben ein Racer alter Schule.“RALF BACH