Erinnerungsfahrt über den Comer See: Pierre Littbarski (l.) und Thomas Häßler im Dokumentarfilm „Ein Sommer in Italien – WM 1990″. © dpa
Am Ziel: die Generation Lothar Matthäus. © Imago
Gute Freunde: Andreas Brehme, Lothar Matthäus, Pierre Littbarski und Rudi Völler – Pfeiler des WM-Teams 1990. © WITTERS
München – Die WM 2006 war das erste Turnier, bei dem man über die segensreiche Wirkung der Musik auf die deutsche Fußball-Nationalmannschaft sprach. „Dieser Weg wird kein leichter sein“ von Xavier Naidoo wurde zur internen Hymne des Teams, die Spieler erzählten vom Lied, das sie beseelte. Doch schon bei der Weltmeisterschaft 1990 hatten die Deutschen ihren Soundtrack gehabt, es war der aus den späten 70ern stammende Song „So You Win Again“ der britischen Soul- und Funkband Hot Chocolate.
Das wusste nur kaum jemand. Publik wird die Geschichte erst jetzt, 36 Jahre später, im Film „Ein Sommer in Italien“, der am Donnerstag in die Kinos kommen wird und am Montag in München im Beisein seiner Protagonisten Premiere feierte. Pierre Littbarski hatte 1990 seine Musiksammlung mitgebracht, die Mannschaft fand sich wieder in dieser eingängig dahinfließenden Melodie. Am Ende des eineinhalbstündigen Films sagt Lothar Matthäus, dass er in vielleicht besser besetzten Mannschaften gespielt habe, „doch diese hatte Charakter“. Die Stimme wird ihm brüchig, weil er an den verstorbenen Freund Andy Brehme denken muss – und dann setzt die Musik von Hot Chocolate ein. Abspann – mit den Bildern, auf die zu warten sich gelohnt hat, denn es gab sie noch nie zu sehen.
Sepp Maier, der Bundestorwarttrainer, und Bodo Illgner, der damals sehr junge Nummer-eins-Torhüter, hatten 1990 sozusagen „behind the scenes“ gefilmt. Illgner, nun auch ein älterer Herr geworden, erzählt, „dass ich die Kamera neu hatte, das war eine Spielerei“. Bewegte Bilder selbst aufzunehmen, das wirkte aufregend in einem Zeitalter weit vor den Smartphones. Jedenfalls: „So You Win Again“ und all die internen Aufnahmen dieser tollen Mannschaft, die mit dem 1:0 gegen Argentinien in Rom Weltmeister wurde – der Rührung kann man sich beim großen Finale nicht entziehen. Thomas Häßler, der den Film vorab gesehen hatte, warnte die Kameraden vor: „Haltet die Taschentücher bereit.“
Es mag überraschen, dass die WM 1990 wieder zum Thema wird. 36 Jahre sind seitdem vergangen, es gibt also kein Jubiläum zu feiern. Doch 2026 ist ein WM-Jahr, da wird in der Fußball-Nostalgiekiste gekramt; dazu kommt der hohe Bedarf an Sportdokumentationen, weswegen der Film von Vanessa Goll und Nadja Kölling in ein paar Monaten auch auf Sky laufen wird.
Man kennt die Geschichte von 1990 ganz gut, der furiose Start gegen Jugoslawien, im Achtelfinale die Spuckerei des Niederländers Frank Rijkaard gegen Rudi Völler, eine Runde darauf (beim 1:0 gegen die Tschechoslowakei) die Wutanfälle von Franz Beckenbauer, im Halbfinale das Elfmeterschießen gegen England, schließlich im Olympiastadion von Rom der versonnen abseits wandelnde Teamchef. Und doch bekommt das alles eine neue Bedeutung, weil man in Versuchung gerät, 1990 der Gegenwart gegenüberzustellen. Man beobachtet, wie Pierre Littbarski und Thomas Häßler 2025 fein in Sakkos gewandet Boot auf dem Comer See fahren und fragt sich: Wird es um 2060 herum einen Film geben, in dem Jamal Musiala und Florian Wirtz durch Winstom-Salem spazieren: „Weißt du noch, da drüben war unser Quartier?“
Geschichte wird immer vom Ende her erzählt, das verführt zu einfachen Schlussfolgerungen, womöglich zu Verklärungen. Beckenbauer hat, wie sein Co-Trainer Holger Osieck nun bestätigt, die Mannschaft wirklich mit „Geht’s ’naus, spielt’s Fußball“ aufs Feld geschickt. Er ist Spieler direkt angegangen (zu Jürgen Klinsmann sagte er in der Halbzeitpause des Viertelfinals, er solle „nicht den Pelé machen“, Klaus Augenthaler verweigerte er die Teilnahme am Elfmeterschießen gegen England mit der Begründung, „dass es kein Zwanzigmeterschießen ist“). Könnte und würde ein Julian Nagelsmann heute sich eine solche Tonalität leisten? Wohl eher nicht. Doch es gibt auch Verbindendes zwischen den Trainer-Generationen. Beckenbauers Zimmer im Teamhotel in Erba war voller VHS-Cassetten, der „Kaiser“ war ein Pionier der Fußballanalyse. Der Taktiker Nagelsmann ist eine konsequente Weiterentwicklung, was den Blick auf die strategische Seite des Spiels betrifft.
Wenn die Erinnerung an 1990 nicht trügt, hat man die deutsche Mannschaft im Vorfeld als reif empfunden für den großen Titel. Sie war erfahren, aber nicht überaltert, aus der zweiten Reihe machte der Talentepool (Möller, Thon, Reuter, Riedle) Druck auf die Stars (Matthäus, Völler, Klinsmann, Brehme, Häßler, Littbarski). Vor allem: Die 22 Spieler, die nach Italien reisten, konnten dies unbeschwert tun. Kein Krieg lastete auf dem Turnier, die einzige politische Komponente 1990, Deutschlands sich anbahnende Wiedervereinigung, war ein Feelgood-Thema. Die Welt erlebte eine gute Zeit.
So you win again? Danach sieht es 2026 in den USA nicht aus.GÜNTER KLEIN