Serie-A-Experte: Giorgio Dusi. © privat
Am Boden? Atalantas Profis wurden selbst nach dem 1:6 gefeiert. © BERTORELLO/afp
Berühmt-berüchtigte Kurve: Auch in der Allianz Arena wollen die 3800 mitgereisten Atalanta-Fans Stimmung machen. © IMAGO
München – Der Applaus aus der Eventlocation „Villa Moroni“ vor den Toren Bergamos hat die Adressaten vergangene Woche zwar nicht persönlich erreicht, aber er war laut, er war lang und er kam von Herzen. „Ein großes Lob, ein Chapeau an die Fans von Atalanta“, hatte Jan-Christian Dreesen Spielern, Staff und anderen geladenen Gästen nach dem 6:1 des FC Bayern im Hinspiel des Champions-League-Achtelfinals zugerufen. Die Begeisterung des CEOs war nicht gespielt, sondern echt. Und Dreesen hatte schon recht: Die Szenen, die sich trotz der herben Niederlage in der blauen „Curva nord“ der „New Balance Arena“ abgespielt hatten, waren „beeindruckend“. An diesem Mittwoch (21 Uhr) wollen die Atalanta-Fans nachlegen.
Im Oberrang der Nordkurve, genauer gesagt in den Blöcken 339 bis 347, sind die Auswärtsfans in der Allianz Arena angesiedelt, 3800 „Bergamaschi“ haben die begehrten Tickets ergattert. Und auch wenn die Aufgabe sportlich fast aussichtslos erscheint, werden sie das Motto nach München tragen, das sie stets verkörpern. Es fällt unter den Satz „Mola mia“ und bedeutet so viel wie „niemals aufgeben“. Das Symbol der Stärke hat die 120.000-Einwohner-Stadt durch die schweren Zeiten der Corona-Pandemie getragen – und lebt nun auf den Fußballplätzen des Kontinents weiter.
Einer, der sich damit besonders auskennt, ist Giorgio Dusi. Der Sportjournalist schreibt für die „Gazzetta dello Sport“ und „Bergamonews“ und weiß aus der Serie A: Niemand fährt gerne zu dem Club, der aktuell zwar nur auf Tabellenplatz sieben liegt und in der Königsklasse vor dem Aus steht, aber stets schuftet, bis es vorbei ist. Auch im Hinspiel, sagt Dusi, „haben es die Fans sehr geschätzt, dass die Spieler bis zum Schluss gekämpft haben, um das Tor zu erzielen“. Es fiel in der dritten Minute der Nachspielzeit – und die Arena geriet in Ekstase.
Als die Bayern vor ihrer Kurve feierten, wurden die Geschlagenen vom Rest der 25.000 Fans aufgebaut. Dusi erklärt: „Für die Atalanta-Fans ist es ein großer Stolz, im Achtelfinale der Champions League zu stehen und als einziges italienisches Team dieses Kunststück vollbracht zu haben.“ Das hat mit den Wurzeln zu tun. Bis vor zehn Jahren kämpfte Atalanta regelmäßig gegen den Abstieg, galt als Fahrstuhl-Team Nummer eins in Italien. Dass man nun zum fünften Mal in sechs Jahren in der Königsklasse vertreten ist – und dazwischen mal schnell die Europa League gewann –, ist schon ein Erfolg für sich. Erreicht, ohne die eigene Identität zu verlieren.
Die Werte werden auf dem Rasen und auf den Tribünen verkörpert, und so ist „die Verbindung zwischen dem Verein und der Stadt historisch stark“, sagt Dusi. Das mag „für die Weltöffentlichkeit ungewöhnlich“ sein, „aber nicht für die Menschen in Bergamo“. Dass man gegen Teams wie den FC Bayern Underdog ist? Egal! Schon die Champions-League-Saison bis hierhin ist für die Fans, die übrigens eine Freundschaft mit den Anhängern von Eintracht Frankfurt pflegen, „ein Traum“.
Er endet höchstwahrscheinlich an diesem Mittwoch. Daher gibt die Kurve nochmal alles. Dusi sagt: „Ich denke, sie werden sich gut schlagen, so wie sie es in Anfield, im Vélodrome und auch in Dortmund vor der Gelben Wand getan haben.“ Dass auf jedem Atalanta-Trikot der Spruch „La maglia sudata sempre“ steht, passt. „Das Trikot immer verschwitzt“ zu haben, kommt an. Bei den eigenen Fans – und dem Chef des FC Bayern.H. RAIF, P. KESSLER, V. TSCHIRPKE