Zeitzeuge Friedhelm Funkel erinnert sich gerne zurück.
Uerdingens Helden für die Ewigkeit – das Team drehte vor 40 Jahren einen 1:3-Rückstand gegen Dresden in einen 7:3-Sieg . © Imago, Becker/dpa
Uerdingen – In der Kabine herrschte Einigkeit: So können wir nicht vom Platz gehen! „Bis dahin war es eine Katastrophe“, erinnert sich Friedhelm Funkel an die Halbzeit des Viertelfinal-Rückspiels im Europapokal der Pokalsieger gegen Dynamo Dresden. 1:3 lag Bayer Uerdingen zurück, an das Weiterkommen glaubte angesichts der 0:2-Niederlage im Hinspiel längst niemand mehr. „Wir wollten versuchen, vielleicht noch das 3:3 zu machen“, erzählt Funkel – was folgte, war das legendäre „Wunder von der Grotenburg“.
Am Donnerstag jährt sich die nicht mehr für möglich gehaltene Aufholjagd der Krefelder, die in einem rauschhaften 7:3 und dem sensationellen Halbfinaleinzug mündete, zum 40. Mal. Ein Jahrhundertspiel, vom Magazin 11Freunde gar zum größten Fußballspiel der Historie gekürt. „Es war in der Tat die beste zweite Halbzeit, die ich mit einer Mannschaft gespielt habe“, sagt Funkel
Mit insgesamt drei Toren entscheidend beteiligt: Funkels Bruder Wolfgang. Mit einem Elfmetertreffer (58.) startete er die Aufholjagd, sein zweites Tor vom Punkt (80.) zum 6:3 öffnete seinem Team die Tür. „Vor dem zweiten Elfmeter hatte ich schon ein bisschen Angst“, erzählt Wolfgang Funkel dem SID, vor Erschöpfung habe er Tränen in den Augen gehabt: „Wir haben uns alle die Lunge rausgelaufen, um das überhaupt noch zu schaffen.“
Schließlich gelang, wovon auch zahlreiche Uerdinger Fans nicht mehr zu träumen gewagt hätten: In Scharen hatten sie an jenem 19. März 1986 die Grotenburg-Kampfbahn vorzeitig verlassen. „Die werden sich hinterher natürlich maßlos geärgert haben“, glaubt Friedhelm Funkel 40 Jahre später.
In die Historie ging indes nicht nur die unglaubliche Wende ein: Dynamo-Spieler Frank Lippmann nutzte die Partie, um sich von seiner Mannschaft abzusetzen, zu der auch die jungen Ulf Kirsten (damals 20) und Matthias Sammer (18) sowie Ausnahme-Libero Hans-Jürgen Dörner („Dixie“) gehörten. Lippmann blieb bei Verwandten in Nürnberg, in der DDR-Presse war schnell von „Verrat“ die Rede.
Für Uerdingens Profis lohnte sich die Aufholjagd auch finanziell, Bayer-Präsident Arno Eschler erhöhte die Prämie für den Einzug ins Halbfinale spontan von 7000 auf 10.000 Mark. In der Vorschlussrunde war für die Krefelder dann gegen Atlético Madrid Endstation.
Was bleibt, sind Erinnerungen an eine rauschende Partynacht. „Es war Euphorie pur“, berichtet Friedhelm Funkel, „in der Kabine haben wir mit Sicherheit ein paar Flaschen Bier getrunken.“ Anschließend zog der feierwütige Tross weiter in die Stamm-Pizzeria. „Es ging sehr lange“, erinnert sich Funkel, „sehr, sehr lange.“