Felix Gramelsberger, Skibergsteiger. © Instagram
Roland Stierle, DAV-Präsident. © Groder/Imago
2024 beim Jennerstier auf Augenhöhe: Finn Hösch (li.) durfte im Februar zu Olympia, Felix Gramelsberger (re.) hat sich mit dem Verband zerstritten © Wassmuth/Imago
München – Roland Stierle hat einige brenzlige Situationen erlebt. „Ich hatte ein paar Mal Angst um mein Leben“, sagt der Präsident des Deutschen Alpenvereins (DAV). Doch das Problem, dem sich der frühere Extrembergsteiger in seiner heutigen Funktion stellen muss, sei „nervenaufreibender“ und „deutlich unangenehmer“ als jedes schlechte Bergerlebnis. Stierle muss versuchen, ein heftiges Zerwürfnis innerhalb der Skibergsteiger-Sparte (Skimo) zu moderieren.
Kurz vor dem Weltcup am Wochenende im italienischen Martelltal ist der Streit eskaliert. Drei Athleten, die zuvor Vorwürfe gegen Coaches und Betreuer erhoben hatten, sind vorläufig suspendiert. Zum Schutz des übrigen Teams, wie Stierle im Gespräch mit unserer Zeitung sagt. Dort rumort es seit Monaten gewaltig. „Die Sportler haben mir ihr Herz ausgeschüttet“, erklärt der 72-Jährige. Mit so drastischen Darstellungen, dass man sich zum Handeln gezwungen sah.
Der DAV ließ die anonymisierten Äußerungen von einer Kölner Anwaltskanzlei prüfen und bewerten. Auch die kam zum Schluss, dass eine „Atmosphäre der Angst“ herrsche. Das Vertrauensverhältnis der Athleten untereinander sei „zerbrochen“. Bei einem Aufeinandertreffen befürchtete man beim DAV das Schlimmste.
Felix Gramelsberger, einer der drei angeblich schwarzen Schafe, ist anderer Meinung. Das Verbandsstatement enthalte „aus unserer Sicht mehrere nachweisliche Unwahrheiten“. Man werde mit „rechtlichen Schritten dagegen vorgehen“. Dieser Zwist, in dem sich beide Seiten wechselseitig Unwahrheiten vorwerfen – wirkt so festgefahren, dass eine Einigung sehr schwer vorstellbar ist. Auch wenn sich Stierle „liebend gerne zusammensetzen“ würde – um die Kuh vom Eis zu holen. Ungeachtet der aktuellen atmosphärischen Störungen gehen die strafrechtlichen Ermittlungen in Traunstein (Stierle: „Wir unterstützen das“) zu den von Gramelsberger und Teamkollegin Sophia Weßling vor einigen Wochen erstmals geäußerten Vorwürfen weiter. Die bestehen im Kern aus zwei Punkten.
Erstens: Einem zweifelhaften Leistungstest im April 2024 am Olympiastützpunkt in Ruhpolding. Dort sollen den Athleten bis zu 60 Mal Blut abgenommen worden sein. Im Zuge einer Studie, von offensichtlich ungeschultem Personal und ohne Einhaltung von Hygienestandards. Eine „wahnsinnige Blutpanscherei“, so Gramelsberger. Der DAV analysierte den Tag in internen Feedback-Runden, räumte Optimierungsbedarf ein und verbesserte die Ausführung bis zu den nächsten Tests. Öffentlich der wirksamste Treffer.
Persönlich schwerer wiegt der zweite Vorwurf: Gramelsberger & Co. seien durch ihr Aufbegehren in Ungnade gefallen und nicht objektiv bewertet worden. In der Tat lagen die Leistungen vor rund einem Jahr nicht weit auseinander. Die Entscheidung der sportlichen Leitung sei aber von den internen Ungereimtheiten unabhängig und „absolut souverän“ gefallen, so Stierle. Gramelsberger hingegen spricht von einer „Repressalie“, sieht sich auf einer „Roten Liste“.
An der Stelle kommt ein nicht unwesentlicher Punkt zum Tragen. Der DAV war vor der Aufnahme zweier seiner Sportarten ins Olympia-Programm (Klettern und Skimo) nie ein Leistungssportverband wie der Ski- oder Leichtathletikverband. Dementsprechend dürr waren die Strukturen. „Es hat uns verändert. Wir müssen die Veränderungen auch lernen“, so Stierle. Das klappt vielleicht nicht ganz so schnell, wie nötig. „Aber wir sind dabei und tun das seit Jahren Schritt für Schritt.“
Gramelsberger beklagt, dass er seinen Kaderstatus verloren hat. Der Verband erklärt, man habe zur Unterstützung extra einen neuen Perspektivkader geschaffen.
Zum Jahreswechsel versuchte man den Clinch noch zu kitten. Mit einer überarbeiteten Athletenvereinbarung, die „uns existenziell absichern“ und „Missstände abstellen sollte“, so Gramelsberger. Der DAV habe sich aber an wesentliche Punkte nicht gehalten. Stierle kontert: Auf einen verschickten Entwurf Anfang Januar hat die Gegenseite nur „sehr zögerlich“ und „nie konstruktiv“ reagiert.MATHIAS MÜLLER