Radsportler Michael Teuber ist seit einem Autounfall 1987 inkomplett querschnittsgelähmt. Über eine Restfunktion der Oberschenkel kann er seinen Bewegungsapparat steuern.
Für eine starke Münchner Bewerbung: Michael Teuber. © BVS Bayern, Imago
München/Mallorca – Michael Teuber (58) ist Deutschlands bekanntester Paracycler, fünf Goldmedaillen gewann er bei Paralympischen Spielen – nun engagiert er sich in der Münchner Bewerbung für Olympische und Paralympische Sommerspiele 2036, 40 oder 44. Der Parasportverband Bayern (BSV) hat ihn zum Beauftragten für die Bewerbung ernannt. Derzeit ist Teuber im Rad-Trainingslager auf Mallorca – als Trainer und selbst immer noch Aktiver mit neuen Ambitionen.
Kleines Quiz, Herr Teuber: Wie hat München als Olympiastadt 1972 das mit den Paralympics gehandhabt?
Es gab damals einen Vorläufer der Paralympics in Heidelberg, man sprach von den Weltspielen der Gelähmten. Man kann das aber nicht vergleichen mit dem, was die Paralympics heute darstellen. Es wären die ersten echten Paralympics in Deutschland. Das wäre eine schöne Story.
Warum engagieren Sie sich für die Münchner Bewerbung?
Für mich ist das eine Herzblutangelegenheit. Ich bin in München geboren und aufgewachsen, habe studiert, starte seit 30 Jahren für einen Münchner Verein und habe schon für die Bewerbung um Winterspiele gekämpft. Es ist ein Vorteil für die Bewerbung, wenn die paralympische im Kontext stark ist.
Was können Sie tun?
Mein Wunsch ist, dass man Olympics und Paralympics von vornherein als gleichwertig denkt. Meine Vision für München ist ein Sommer der Spiele, vom ersten Tag der Olympischen bis zum letzten Tag der Paralympischen. Die Leute sollen wissen, dass es zwei Wochen nach der olympischen Schlussfeier mit Volldampf weitergeht. London 2012 hat es vorgemacht, das waren die besten Olympischen und Paralympischen Spiele der letzten Jahrzehnte.
Bei den Paralympics jetzt gerade in Cortina d‘Ampezzo kam angesichts schwieriger Schneeverhältnisse der Gedanke auf, man sollte sie vor den Olympischen Spielen veranstalten. Ein grundsätzliches Modell für die Termingestaltung – auch im Sommer?
Ich halte es für denkbar, dass die Paralympics vor die Olympics gesetzt werden, sehe darin aber keinen Vorteil. Es gibt auch Gedanken, dass die Veranstaltungen gar nicht mehr getrennt ablaufen sollen. Aber man muss den Aufwand sehen: Man bräuchte ein Dorf nicht für 20.000, sondern für 30.000 Teilnehmer, und statt 300 Medaillensätzen hätte man 800.
München ist einer von vier deutschen Bewerbern. Wie sehen Sie den nationalen Wettbewerb?
Mit dem starken Bürgervotum sehe ich uns an einem Punkt, an dem die anderen Bewerbungen noch gar nicht sind. Aber die anderen machen es auch gut. Hamburg hat eine extrem inklusive Bewerbung, ist, was die Intensität der Integration betrifft, sogar besser als wir. Köln als Lead-City von Rhein-Ruhr macht es auch nicht schlecht, hat mit Markus Rehm (Prothesen-Weitspringer, d. Red.) einen Testimonial, der wie ich fünfmaliger Paralympics-Sieger ist. Im September wählt der DOSB seine Stadt für das internationale Rennen aus. Der paralympische Aspekt hat sicher Gewicht, auch wenn unser Verband kein überproportionales Stimmrecht hat.
Braucht Deutschland überhaupt die Spiele?
Ich wünsche mir, dass der Sport jenseits des Fußballs bei uns an Bedeutung gewinnt. Deutschland muss sich überlegen, wie wichtig ihm der Sport in der Spitze und Breite ist. Man beweihräuchert sich mit dem, was man geschafft hat, doch wir sollten ehrlich sein: Im Medaillenspiegel rutschen wir immer weiter nach unten. Bei den Winter-Paralympics hatten wir 16 Medaillen, aber nur zwei Goldene, das ist Platz elf, wo wir lange Top-Drei waren. Ich will niemanden bashen, aber man muss fragen: Wie gut trägt unser Sportsystem noch? Als Großbritannien 1992 einen Schock erlebte (Platz 13, d. Red.), sagte Premierminister Tony Blair, dass es so nicht weitergehen könne. Er holte die Spiele 2012, seitdem ist Großbritannien wieder Sportnation. Mit 60, 70 Millionen Einwohnern kann man durchaus unter die besten fünf Nationen kommen, wenn die staatliche Seite mehr Relevanz für den Sport will.
Bei den Paralympics 2026 durften Russen und Belarussen teilnehmen, als wäre nichts gewesen, das Internationale Paralympische Komitee (IPC) hat sie zugelassen.
Das ist der Punkt, an dem ich der eigenen Bewegung gegenüber kritisch bin. Teilnehmer unter neutraler Flagge kann man mit knirschenden Zähnen hinnehmen. Es konnte die unerträgliche Situation stattfinden, dass ein russischer versehrter Soldat, der womöglich einen Ukrainer auf dem Gewissen hat, gewinnt – und Ukrainer sich dann noch die Hymne für ihn anhören müssen. Ich kritisiere das in aller Deutlichkeit – aber es wäre kein Grund zu sagen, wir wollen keine Spiele in München.
Wie steht es um Ihre eigenen sportlichen Ambitionen? Im Einzelzeitfahren sind Sie noch immer Weltspitze.
Ende April geht es wieder mit den Weltcups los – und ich belebe mich auf der Bahn wieder. Da wurde das Programm krass umgestellt, mit dem Scratch ist eine Disziplin dazugekommen, die mir als Ausdauerfahrer liegt. Für Los Angeles 2028 tut sich noch eine Chance auf.
INTERVIEW: GÜNTER KLEIN