Bayerisch-englisches Deutschland

von Redaktion

„Noch keine WM-Nominierung“: Nagelsmann hält sich vor allem offensive Optionen offen

Anton Stach von Leeds United. © IMAGO/Offside

Deniz Undav: „Ruf mich erst an, wenn…“ © dpa/Langer

Die Spannung über Wochen aufgebaut: Bundestrainer Julian Nagelsmann gab am DFB-Campus die Namen der Nominierten bekannt. © dpa/Florian Wiegand

Frankfurt/München – Julian Nagelsmann beherrscht das Geschäft mit der Aufmerksamkeits-Ökonomie. Neulich das episch ausführliche Interview im kicker, hie und da noch ein Satz, dass der Kader für die Länderspiele in der Schweiz (27. März) und in Stuttgart gegen Ghana (30. März) seine personellen Planungen für die Weltmeisterschaft ab Mitte Juni aufdecken werde. Und am Donnerstagnachmittag am Frankfurter Campus erst auf einer Mitarbeiterversammlung, dann vor der Presse die Relativiserung: „Es ist noch keine WM-Nominierung, sondern eine Nominierung für die Abstellungsperiode im März.“

Der Bundestrainer entschied sich für einen Mix. Mit dem harten Kern aus Spielern, „die sich festigen und miteinander Minuten sammeln können“. Plus „Spieler, die eine realistische Chance haben, auf den WM-Zug aufzuspringen.“ Außerdem gab es medizinische Erwägungen wie bei Jamal Musiala, einem sicheren WM-Fahrer, aber aktuell nicht im Kader. Nagelsmann: „Bringt nichts, ihn zwei Minuten unter Schmerzen aufdribbeln zu lassen.“ Dafür stehen nun einige ganz neue Leute wie die Bayern Jonas Urbig und Lennart Karl auf der Einladungsliste – und einige für den Coach neue: Anton Stach und Josha Vagnoman haben schon in der Nationalmannschaft gespielt – jedoch noch nicht unter ihm.

Was auffällt: Es gibt einen großen Bayern-Block. Sieben Spieler. Neben dem angeschlagenen Musiala hat es eigentlich nur Tom Bischof nicht in den Kader geschafft, „obwohl er bei uns Kisten getragen hat und sehr beliebt ist. Aber er muss noch einige Schritte gehen“. Hingegen dabei ist Leon Goretzka, der in München nicht so recht zum Zug kommt. Nagelsmann hat ihn aber vorab gegenüber dem kicker gestärkt und legt noch eine Erläuterung nach: „Ich habe ihm keinen Freifahrtschein gegeben, sondern einen Anreiz gesetzt. Er soll Vertrauen haben, muss im April und Mai aber ein paar Minuten mehr sammeln, schon aus physiologischen Gründen.“ Im erwartbar heißen nordamerikanischen Sommer brauche man einen fitten Goretzka, „der mit Wucht in den Strafraum reinfliegt“.

Die zweite starke Fraktion im DFB-Aufgebot stellen die „Engländer“. Sieben Spieler (Thiaw, Groß, Stach, Wirtz, Havertz, Schade, Woltemade) stehen bei Vereinen der Premier League unter Vertrag. Für sie spreche, dass sie an hohe körperliche Anforderungen gewöhnt seien. Allerdings: Sichere WM-Teilnehmer sind nur Florian Wirtz, Kai Havertz und Nick Woltemade. Anton Stach, von der Position ein Achter, „war bei den Lehrgängen zuvor schon immer in der Verlosung“, Kevin Schade als Konterspieler steht in Konkurrenz zu den jetzt nicht nominierten Dortmundern Karim Adeyemi und Maxi Beier, „maximal zwei“, so der Bundestrainer, „werde ich mitnehmen“. Eine Wiederentdeckung ist Pascal Groß. „Er spricht mit allen, ist selbstlos, hat die große Gabe, Menschen zu verändern.“ Nagelsmann braucht auch Rollenspieler, die keinen Rabatz machen, „denn auf 40 Prozent des Kaders werden 95 Prozent der Spielzeit fallen“.

Experimente wird er ab jetzt nicht mehr wagen. In der Defensive sei man eingespielt, „da lebt man von den gefestigten Strukturen“. Am ehesten verändern könne sich was in der Offensive: „Da geht es auch um Momentum, Vertrauen, Instinkt. Wenn einer noch zwölf Tore schießt, ist er dabei.“ Mit „einer Superquote an Toren und Vorlagen“ rutschte nun auch der Stuttgarter Deniz Undav rein. „Im Dezember hat er von mir einen großen Maßnahmenkatalog bekommen“, so Nagelsmann, dann habe Undav gebeten: „Ich weiß, was ich tun muss. Ruf mich erst zur Nominierung wieder an.“ So geschah es dieser Tage.GÜNTER KLEIN

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