„Dachte, alles ist vorbei“

von Redaktion

Pogacar triumphiert trotz Crash und feiert seinen Premieren-Sieg bei Mailand-Sanremo

Zerfetzte Hose, zerfetztes Trikot. © PINTENS/Imago

Endlich am Ziel: Tadej Pogacar schreit seine Freude hinaus. © Paolone/dpa

Vier Zentimeter entschieden über Sieg und Niederlage: Pogacar setzte sich im Schlussspurt gegen Pidcock durch. © Roth

Sanremo – Mit zerfetzter Radhose setzte Tadej Pogacar zum Tigersprung an, dann ballte er die Faust und schrie seine Freude heraus. Der Straßenrad-Weltmeister hat trotz eines heftigen Sturzes mit einer schier unglaublichen Energieleistung seinen Fluch besiegt und erstmals in seiner Karriere den schweren Frühjahrsklassiker Mailand-Sanremo gewonnen. Der Slowene siegte im Sprint knapp gegen den britischen Mitausreißer Thomas Pidcock. Den dritten Platz belegte nach 298 Kilometern der Belgier Wout van Aert.

„Als ich stürzte, dachte ich für eine Sekunde, alles ist vorbei. Es ist der wichtigste Teil des Rennens. Glücklicherweise war ich schnell wieder auf dem Rad. An meinem Rad und mir war nicht so viel kaputt. Die Beine waren noch in Ordnung“, sagte Pogacar nach seinem Coup. Teamchef Mauro Gianetti ergänzte: „Die Emotionen sind nicht in Worte zu fassen. Es war so kompliziert heute.“

Auf dem Podest ließ der Superstar die Champagnerkorken knallen und klatschte euphorisch mit seinem Formel-1-Kumpel Carlos Sainz ab. Vor dem heimischen TV spendete der große Eddy Merckx anerkennend Applaus. Als „großartig“ und „fantastisch“ würdigte der beste Radprofi der Geschichte die Leistung des besten Fahrers der Gegenwart bei der 117. Ausgabe des italienischen Klassikers. „Er hat mich sprachlos gemacht“, sagte Merckx der Gazzetta dello Sport.

Denn Pogacar stürzte 33 Kilometer vor dem Ziel in einer Kurve. Doch der viermalige Tour-de-France-Sieger sprang sofort wieder auf, startete eine atemberaubende Aufholjagd und flog an der Cipressa quasi am ganzen Feld vorbei. Pogacar nahm sich nicht einmal Zeit zum Durchschnaufen, sondern ging direkt in den Attacke-Modus. „Er hat wie ein echter Champion reagiert“, sagte Merckx, der siebenmal dieses Rennen gewinnen konnte. Nur Vorjahressieger Mathieu van der Poel und Pidcock konnten ihm am vorletzten Anstieg noch folgen. Am letzten Anstieg musste schließlich van der Poel abreißen lassen.

So fiel die Entscheidung erst auf der Zielgeraden, als Pogacar wie ein Bahnsprinter lostrat. Der Mountainbike-Olympiasieger Pidcock, hielt dagegen, kam aber nicht mehr vorbei.

Pogacar rang nach Worten – und fand sie in Superlativen. „Das ist einer der größten Siege meiner Karriere“, schwärmte der viermalige Tour-Champion: „Es ist eine große Erleichterung, es nach so vielen Jahren geschafft zu haben.“

Kein Rennen hatte Pogacar so verfolgt wie Mailand-Sanremo, auf dem längsten Klassiker schien für den erfolgsverwöhnten Weltmeister ein Fluch zu liegen. „Es ist eines der unberechenbarsten Rennen der Welt. Es kostet viel Kraft, auch mental“, sagte Pogacar. Im sechsten Anlauf brach der Bann.

Die deutschen Profis spielten keine Rolle. Für den bislang letzten deutschen Sieg hatte 2015 John Degenkolb gesorgt. Erik Zabel waren gar vier Erfolge in Sanremo geglückt.

Pogacar fehlt jetzt nur noch der Sieg beim Rennen in der Hölle des Nordens bei Paris-Roubaix, dann hätte der Slowene alle fünf Radsport-Monumente mindestens einmal gewonnen. Am 12. April steigt der Kopfstein-Klassiker.

Ob er einen weiteren Sieg bei Mailand-Sanremo anpeilt, ist derweil fraglich. Von den Straßen östlich seiner Wahlheimat Monaco hat er vorerst genug. „Jetzt muss ich nicht mehr jede Woche oder sogar zweimal pro Woche nach Sanremo fahren, um zu trainieren. Es ist mental wirklich schwer, das den ganzen Winter durchzuziehen“, sagte Pogacar: „Wenn ich nach Sanremo zurückkomme, dann nur, um Focaccia zu essen.“DPA

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