Binotto hält weiter die Fäden in der Hand. © Haider/EPA
Wheatley ist mit Binotto nicht warm geworden. © Koning/dpa
Neuburg/Ingolstadt – Pünktlich zum Start der Formel-1-Saison Anfang März schaltete Audi einen Werbefilm, der seine selbstbewusste Philosophie zum Einstieg in die automobile Königsklasse zeigen soll. „Vorsprung durch Technik“ ist die sich immer wiederholende Botschaft. In den Dreißigern durch den Mittelmotor, in der Rallye-WM mit dem Quattro, in der amerikanischen IMSA-Serie mit einem Fünfzylinder-Motor, in Le Mans mit einem Hybridantrieb mit Dieselkraftstoff. Und jetzt kommt das Abenteuer Formel 1.
Allein: Die aktuelle Bestandsaufnahme nach zwei gefahrenen Rennen entlarvt den Film als Science-Fiction-Märchen. Denn nicht nur sportlich läuft es nicht rund. Schlimmer noch ist die Personalfluktuation bei den Führungskräften. Nach dem nur für Nicht-Insider überraschenden Abgang von Teamchef Jonathan Wheatley, der Audi vergangene Woche nach nur elf Monaten verließ, müsste es bei den vier Ringen eher heißen: „Flucht durch Frust.“
Denn der Brite Wheatley ist nicht die erste Führungskraft, die entweder aus Ingolstadt, dem Motorenwerk in Neuburg oder der Chassisfabrik in der Schweiz flüchtete: Seit Audi vor vier Jahren die Übernahme des Sauber-Teams bekannt gab und damit den Einstieg in die Formel 1, wechselten die Führungskräfte munter durch. Markus Duesmann, der quasi im Alleingang das F1-Projekt gegenüber dem Mutterkonzern VW durchdrückte, wurde 2023 gefeuert. Kurz danach trennte sich Audi vom Projektleiter Andreas Seidl und dem Entwicklungsvorstand Oliver Hoffmann.
Ein weiteres Problem: Gernot Döllner, der Duesmann als CEO beerbte, hätte am Anfang nur widerwillig das F1-Projekt übernommen. Mittlerweile habe er die Königsklasse als persönliche Bühne entdeckt. Döllner flog zum Saisonauftakt nur für einen Tag nach Melbourne. Das tut man sich nur an, wenn man in der Öffentlichkeit Chef-Flagge zeigen will.
Döllners Statthalter ist jetzt der ehemalige Ferrari-Teamchef Mattia Binotto. Er wollte die Macht allein und setzte die Ellbogen ein. Zuerst fiel Motorchef Adam Baker dem Ehrgeiz Binottos zum Opfer, jetzt Wheatley. „Aus persönlichen Gründen“ wolle der Brite das Team verlassen, so die offizielle Erklärung. Doch die persönlichen Gründe haben einen Namen: Binotto. Dass sich die beiden nicht grün wurden, wurde beim letzten Rennen in China allzu deutlich. Wheatley bezeichnete den Neuburger Motor in einem Interview als größten Schwachpunkt, während Binotto in einem Gespräch mit „L’Equipe“ die Unzulänglichkeiten des ehemaligen Sauber-Teams hervorhob.
Rein sportlich läuft es auch nicht rund. Zwar wurde Bortoleto Neunter beim Auftaktrennen und Hülkenberg in China Elfter. Aber je einmal konnten beide wegen technischer Probleme erst gar nicht am Rennen teilnehmen. Ein ehemaliger Teamchef sagte unserer Zeitung: „Das ist nicht das, was man von einem Konzern aus Deutschland erwarten kann.“
In Suzuka am kommenden Sonntag hat Audi die nächste Chance, seiner Botschaft des ambitionierten Werbefilms gerecht zu werden. Dass beide Autos das Rennen starten können, wäre der Anfang.RALF BACH