„Tut weh, hier zu verlieren“: Die Löwen, hier Clemens Lippmann, am Boden – das Last-Minute-1:2 von Duisburg war ein Wirkungstreffer. © S. Matzke / Sampics
Duisburg/München – Als hätte man ihm sämtliche Energie aus dem Körper gesaugt – so trat Max Reinthaler in der MSV-Arena vor die Presse. Duisburgs Siegtreffer war keine zehn Minuten her; in der Kabine, im Innenraum, im VIP-Bereich: überall glückstrahlende Hausherren. Und mittendrin die Löwen – versteinerte Mienen, geknickt, wie die Verlierer eines Endspiels. „Die Enttäuschung ist riesig – das sieht man mir, glaube ich, an“, sagte Reinthaler in der Mixed Zone.
Die Worte danach klangen wie ein Protokoll des Schmerzes. „Nach der ersten Halbzeit musst du eigentlich führen“, haderte der Verteidiger. „Es tut so weh, hier zu verlieren“, sagte Siemen Voet, der noch einen Schritt weiterging: „Wir müssen aus unseren Chancen ein Tor machen – das ist am Ende der Unterschied.“ Stattdessen: „Sch… Gegentore!“ Schärfe und Konsequenz gingen verloren. „Diese letzten Prozente fehlen“, sagte Voet, „Tore machen, die Details – das ist heute nicht genug.“ Markus Kauczinski fasste es nüchtern zusammen: „Zu viele unnötige Ballverluste, zu viele verlorene Zweikämpfe – damit haben wir Duisburg stark gemacht.“ Selbst der 1860-Coach, nach außen sonst die Coolheit in Person, wirkte bedient wie selten: „Mich ärgert maßlos, dass wir hier keinen Punkt mitnehmen.“
Die Analyse tut weh – weil die Ursache so klar war, für jeden im Stadion greifbar. 1860 wollte am Ende nicht verlieren – Duisburg wollte gewinnen. Während die Löwen das 1:1 verwalteten, drehten die Gastgeber auf. Mit Einwechselspielern, die sofort Wirkung zeigten: Tugbenyo traf den Pfosten, Töpken staubte in der 90. Minute ab. Es war die Wucht der Überzeugung gegen die Vorsicht der Absicherung. Kauczinski dagegen wechselte spät und sparsam, brachte vor der Nachspielzeit nur Philipp (77.) und Hobsch (86.). Zu wenig Impulse, zu wenig Risiko. „Der Gegner war gedankenschneller als wir.“
Für eine Spitzenmannschaft fehlen aktuell genau jene Zutaten, die enge Spiele entscheiden: Gier, Mut, der unbedingte Wille. Schon beim 0:0 gegen Wiesbaden eine Woche zuvor wirkte 1860 eher zufrieden als hungrig. „Diese Spiele machen den Unterschied: wirklich im Aufstiegsrennen sein – oder nur dran“, sagte Voet. Ein Satz, der mehr über das Team aussagt als die aktuelle Tabelle.
Und jetzt: Totopokal
So wächst der Druck im Aufstiegsrennen – wenn 1860 überhaupt noch richtig dabei ist. Fünf Punkte Rückstand auf Platz drei, acht Spiele noch – die Konkurrenz wirkt reifer, abgeklärter. „Wir hatten schon eine bessere Ausgangsposition – jetzt haben wir eine schlechtere“, sagte Kauczinski. Reinthaler formulierte es noch knapper, den Duisburg-Frust in den Knochen und im Gesicht: „Das war ein herber Dämpfer – und es wird nicht einfacher.“
Der Montag nach der nächtlichen Rückfahrt: frei. Zeit zum Durchatmen, zum Wundenlecken. Ab Dienstag beginnt die Aufarbeitung – und der Blick richtet sich sofort nach vorn. Totopokal-Halbfinale in Regensburg (Samstag, 14 Uhr), die Tür zum DFB-Pokal darf nicht zufallen. Über die Liga ist der Weg in weitere Ferne gerückt: Hinter Spitzenreiter Osnabrück drängen formstarke Teams wie Essen und Rostock nach oben, Duisburg wurde von 1860 aufgebaut, und auch Cottbus mischt noch mit, der nächste Auswärtsgegner in der Liga (nach dem Karsamstags-Heimspiel gegen Mannheim). Für die Löwen bleibt nur eine Option: schnell reifen. Oder, wie Kauczinski es formulierte: „Wir müssen lernen, dass in solchen Spielen jede Kleinigkeit zählt.“ULI KELLNER