Hier geht‘s um alles: Müller gegen Schalke. © imago
„Wir waren mehr gefordert als die Bayern jetzt“: Maier über die Liga damals und heute. © Hoppe/dpa
„Ein Rekord wird nie fallen“ – der von Sepp Maier. © dpa
So sehen Rekordprofis aus: Die Bayern als Meister 1971/72 – nachdem ihnen im ersten Spiel im neuen Olympiastadion die Saisontreffer 97 bis 101 gelungen waren. © imago
München – Er selbst durfte das Spektakel der Offensive von hinten aus genießen: Sepp Maier stand zwischen 1966 und 1979 für 442 Spiele ohne Unterbrechung im Tor des FC Bayern und damit natürlich auch in der Rekord-Saison 1971/72. Im Interview spricht der 82-Jährige über 101 Treffer früher – und heute.
Herr Maier, darf man den Bayern bei aktuell 97 Toren schon zum Rekord gratulieren?
Ja, sicher. Es sind ja noch ein paar Spiele. Für mich ist das nicht schlimm. Rekorde sind doch da, um sie zu brechen. Daraus zieht man seinen Ehrgeiz. Man braucht ja Ziele, an denen man sich messen kann.
An diesem Rekord aber hat man sich 54 Jahre lang die Zähne ausgebissen.
Es war schon eine echte Hausnummer. Dabei war es für mich immer interessanter, wie viele Tore ich bekommen habe – und nicht, wie viele Gerd Müller und Rainer Ohlhauser vorne gemacht haben. Und das Gute ist, dass ein Rekord nie eingeholt werden wird…
…wir können uns denken, welcher…
(lacht) 442 Spiele hintereinander zu spielen, 13 Jahre lang ohne Pause. Daher kann ich mich auch ganz entspannt zurücklehnen.
Das konnten Sie auch an diesem Tag im Juni 1972, als vorne im entscheidenden Meisterschaftsspiel gegen Schalke die Treffer 97, 98, 99, 100 und 101 erzielt wurden.
Das stimmt. Die Jungs vorne, unser Team – wir waren schon gut in Schuss. Für uns aber waren nicht die 100 Tore wichtig, sondern dass wir Deutscher Meister werden. Wenn Schalke gewonnen hätte, wären sie vorne gewesen. Dieser Tag war also perfekt: 79.000 Zuschauer, das erste Spiel im Olympiastadion, 5:1 gewinnen, Meister werden und dabei die 100-Tore-Marke zu durchbrechen. Optimal! Besser ging‘s ja gar nicht.
Damals war Spannung bis zum letzten Spieltag, man musste also weiter treffen. Was ist heuer das Geheimrezept für die vielen Tore?
Ehrlich gesagt waren wir früher viel mehr gefordert als die Bayern jetzt. Wenn man mal die ganze Liga anschaut, muss ich sagen: Sie ist schwach geworden. Bei uns hat es das nicht gegeben, dass man so oft so hoch gewonnen hat. Das lag aber nicht an uns, sondern an den besseren Gegnern.
Die Bayern sind also nicht stark, sondern die Liga schwach?
Die Bayern sind schon stark, aber sie laufen der Liga einfach nur davon. Wenn sie mal verlieren, ist das ein echter Glücksfall für den Gegner. Spannend ist das nicht mehr.
Wenn sie so weitermachen, können sie am Ende bei 122 Toren stehen.
Echt? Darüber sollten sich alle anderen doch mal Gedanken machen. Natürlich ist das aber auch eine gute Mannschaft, natürlich ist Vincent Kompany ein super Trainer. Ich gönne ihm das. Weil er am Boden bleibt, weil er sympathisch ist – das kommt an. Er versteht die Profis. Bei Udo Lattek war es auch so. Aber bei uns war es auch noch leichter, die Mannschaft zu führen.
Warum?
Aus unserer Mannschaft waren neun oder zehn aus Bayern – wir waren also wirkliche Bayern. Heute ist das eine Mannschaft aus internationalen Superstars. Diese Mannschaft zu führen, ist schwierig. Er schafft das bravourös! Und ich hoffe, dass es noch zehn Jahre mit ihm so weitergeht.
Wächst da Ähnliches zusammen wie in den goldenen siebziger Jahren?
Nein. Weil einfach aufgrund der äußeren Umstände vielmehr Unruhe drin ist. Dann geht wieder einer, dann gibt es wieder Verhandlungen, dann verliert man mal ein Spiel – und schon ist wieder richtig Rummel. Da haben wir es schon leichter gehabt, uns auf unseren Job zu konzentrieren. Und ich sag Ihnen eins: Wir haben viel mehr Spaß gehabt! Heute kommt immer sofort alles raus…
Dann erzählen Sie doch mal von der Meisterfeier anno 1972!
Hab ich alles vergessen, ich war ja ein paar Mal Meister (lacht). Aber im Ernst: Wir haben mal in die Disko gehen können, ohne Ärger zu bekommen. Heute ist das alles nicht mehr möglich.
Dabei sind heuer drei Titelfeiern drin.
So ist es! Diese Mannschaft hat alle Möglichkeiten, so wie damals unter Jupp Heynckes und Hansi Flick. Ich wünsche Kompany auch das Triple. Aktuell sieht es doch gut aus.
Freuen Sie sich bei jedem Tor – oder denkt man irgendwann: nicht noch eins, sonst fällt unser Rekord?
I wo! Ich feiere jedes Bayern-Tor. Da habe ich kein Problem mit. Genau wie Gerd Müller auch kein Problem damit gehabt hätte, als Robert Lewandowski seinen Rekord gebrochen hat. Und auch keins, wenn Harry Kane es nun wieder schafft. Ich bin auch glücklich, wenn die Bayern 125 Tore schießen! Nehmen wir das doch als neue Marke (lacht).
INTERVIEW: HANNA RAIF