Ein Getümmel sondergleichen veranstalteten in dieser Szene die Spieler des EHC München (in Blau) und ERC Ingolstadt (Weiß). Hinter den Leibern das Tor der Gäste. © Red Bull/City-Press
München – In der Trainingshalle 1 des SAP Garden, wo der EHC Red Bull München seine tägliche Übungsarbeit verrichtet, hängen zwei große Videoscreens. Sie zeigen gerade keine Werbung, sondern das Wappen des Clubs, das Wort „Playoffs“ und den Meisterpokal, um den es in den kommenden Wochen geht. Aus seinen Ambitionen macht der EHC keinen Hehl, er wird hoch gehandelt – doch der Einstand ins Viertelfinale gegen den ERC Ingolstadt ist ihm misslungen. Im ersten Spiel der Best-of-Seven-Serie unterlag München dem oberbayerischen Rivalen mit 5:6 (0:1, 2:3, 3:2). Das Team von Coach Oliver David fand erst im der Schlussphase zu sich, wurde bis dahin aber ausgekontert.
Reiz und Tücke der Playoffs: Ein Spiel kann sich auch mal länger hinziehen. Am Dienstagabend saß ein Mann im SAP Garden, dessen Anwesenheit für den EHC München häufig Mehrarbeit bedeutet: Mike Stewart. Der Kanadier lieferte sich als Trainer in Augsburg (2019) und Wolfsburg (2023) mit dem EHC epische Playoff-Matches, einmal ging es über Mitternacht und die Öffnungszeiten der benachbarten Parkhäuser hinaus. Seit ein paar Wochen ist Mike Stewart aus dem Job, in Wolfsburg wurde er entlassen; nun beauftragte die Deutsche Eishockey Liga ihn, im Viertelfinale zwischen München und dem ERC Ingolstadt als Serienmanager zu wirken. Er soll neutraler Ansprechpartner für beide Seiten sein, bei Konflikten untereinander oder mit den Schiedsrichtern vermitteln.
In der Hauptrunde 2025/26 hatte es eine Besonderheit bei den Begegnungen zwischen EHC und ERCI gegeben: Beide Partien in München endeten mit einem „zu null“. Es waren knappe Spiele (2:0, 4:0 – allerdings mit zwei Empty-Net-Treffern), den Schanzern, eigentlich ein Team, das sich dem Offensivspektakel verpflichtet fühlt, war im Garden also kein Tor gelungen. Insofern glückte der Einstand in die Playoffs, die Ingolstadts Trainer Mark French „eine zweite Saison“ nennt, weil der Torfluch nach gut fünf Minuten besiegt war. Mike Powell überraschte den EHC mit dem 1:0 für das Gäste-Team. Und in der Folge lieferten die Ingolstädter weitere Nachweise ihrer Effizienz. Der Start ins zweite Drittel war – ja – meisterlich. Denn binnen vier Minuten (22. bis 26.) legten sie das 2:0 (Barber), 3:0 (Abbundonato), 4:0 (Agostino) nach. Der EHC stand neben sich, kassierte unnötige Strafzeiten für Stockschläge (Eisenschmid) und einen Check gegen den Kopf (Wagner). Schon im ersten Drittel hatten einige Scharmützel die Atmosphäre bestimmt.
Die Frage, ob Ingolstadt noch Tore schießen kann, war geklärt. Doch mit dem 0:4 stellte sich die nächste Frage: Beherrscht der EHC München noch das Format der Aufholjagd? Der Club hat darin eine Historie voller Großtaten. In der 29. Minute gelang Jeremy McKenna das 1:4, hinten agierte der EHC stabiler und disziplinierter, und 39 Sekunden vor Ende des zweiten Drittels schaffte Brady Ferguson im entschlossenen Nacharbeiten das 2:4. „Wir haben gepusht, wieder besser gespielt“, zog Markus Eisenschmid ein Fazit nach 40 Minuten, „jetzt machen wir noch zwei, dann steht‘s unentschieden – und wir gewinnen auch noch.“
Die Dramaturgie haute nicht hin. Ein schlechtes Abspiel von Eisenschmid ermöglichte Ingolstadt den nächsten Konter, den Offensivverteidiger Alex Breton in der 45. Minute mit dem 2:5 aus EHC-Sicht abschloss. Die kurze Hoffnung durch Rieders 3:5 (56.) löschte Johannes Krauß kurz darauf mit dem 3:6. Das Polster, das zwei Münchner Endspurt-Tore (Ferguson, Pokka) ohne Torhüter auffing.GÜNTER KLEIN