„Dummheit entscheidet Schach“

von Redaktion

Vom Nebenraum ins Fünf-Sterne-Resort: Blübaum kämpft um die Schach-Krone

Im Fünf-Sterne-Luxus-Resort Cap St. Georges Hotel auf Zypern geht es um die Schach-Krone. © Cap St. Georges Hotel

Weltmeister: Dommaraju Gukesh aus Indien. © Babu/AFP

Vincent Keymer (re.) gehört zu den Top-5 der Welt, patzte jedoch in einer Partie gegen Blübaum und fehlt in Zypern.

„Mir ist bewusst, dass ich die geringsten Chancen habe“: Matthias Blübaum qualifizierte sich überraschend für das Turnier der Schach-Topstars. © Lennart Ootes/Tata Steel Chess (2)

Vor ein paar Wochen noch trat er in einem kleinen Raum über einem italienischen Restaurant unweit des Nordfriedhofs in München für seine Bundesliga-Partie ans Brett. Ab Samstag geht es für Matthias Blübaum deutlich nobler zu, wenn die Schachwelt den Blick auf das Kandidatenturnier – das Nadelöhr zur Schachkrone – richtet. Im Fünf-Sterne-Resort auf Zypern geht es darum, wer der Herausforderer von Weltmeister Dommaraju Gukesh wird. Und zum ersten Mal seit Robert Hübner 1991 sitzt mit Blübaum wieder ein Deutscher am Brett. Der 28-jährige Großmeister aus Bielefeld spricht im Interview über das größte Turnier seiner Karriere.

Herr Blübaum, bald geht das Kandidatenturnier los. Was erhoffen Sie sich?

Ich weiß, dass ich Außenseiter bin, aber es kann nur ein Ziel geben, wenn man das Turnier spielt: Und das ist, so lange wie man kann, um den ersten Platz mitzuspielen. Das ist das einzige Ziel, was wirklich einen Unterschied macht, und das gilt natürlich für alle.

Sie haben ja mit Ihrer Qualifikation gezeigt, dass Sie für Überraschungen gut sind.

Es ist ein sehr, sehr langes Turnier, man muss einfach gucken, wo sich Chancen ergeben. Mein Stil war noch nie, jede Partie komplett wild anzulegen und sofort auf Gewinn zu spielen mit beiden Farben. Über 14 Runden ist fast klar, dass man über diese Distanz Chancen kriegen wird – egal wie die Partien laufen. Dann muss man eben bereit sein. Das ist manchmal auch das Schwierige im Schach, dass man dann seine Gewinnstellung verwerten kann.

Zwei bis drei Stunden Vorbereitung auf die Partien, fünf Stunden konzentriert am Brett sitzen, hinzu kommt noch die Nachbereitung – und das über drei Wochen. Wie hält man das durch?

Also zwei, drei Stunden Vorbereitung sind sogar noch gering geschätzt (lacht). Beim normalen Turnier kommt das vielleicht hin, bei diesem ist das eher noch mehr. Es geht eigentlich nur um Schach den ganzen Tag. Vielleicht mal relaxter, wenn man beim Essen über die Partien spricht. Klar, das kostet Energie. Jede Partie ist auch ein unfassbar großer Stressfaktor. Es geht um so viel. Man spürt sicherlich auch Druck, weil es könnte immer die alles entscheidende Partie sein.

Wer begleitet Sie auf so langen Turnieren?

Das ist immer unterschiedlich. Beim Kandidatenturnier abseits des Schachs tatsächlich niemand.

Wie lenken Sie sich mal ab?

Man muss natürlich auch mal was anderes machen. Ich gucke gerne Serien zwischendurch. Dann sage ich mir, ich nehme jetzt die 45 Minuten und schalte einfach mal ab.

Was schauen Sie?

Letztens habe ich mir die neueste Staffel von Fallout angeschaut. Mal schauen, was in Zypern kommt.

Das Kandidatenturnier zelebriert noch das klassische Schach. Zuletzt wurden aber auch durch Magnus Carlsen kürzere Formate und Freestyle-Schach immer populärer. Wie stehen Sie zu dieser Entwicklung?

Ich finde es tatsächlich gut. Dann gibt es auch weniger solche langweilige Partien, wie meine heute (lacht).

Vor dem Interview remisierte Blübaum seine Partie gegen Frankreichs Schach-Star Maxime Vachier-Lagrave (Zweiter des Kandidatenturniers 2021) recht unspektakulär.

Bei kürzeren Bedenkzeiten passiert meistens mehr. Man kann ein bisschen mehr Risiko in der Eröffnung nehmen, weil der Gegner hat eben nicht anderthalb Stunden auf der Uhr, um zu sehen, dass die Variante nicht so gut funktioniert. Da kann man auch ein bisschen bluffen. In dieser Hinsicht machen kürzere Partien mehr Spaß.

Sie sagen „bluffen“. Sind Sie ein guter Pokerspieler?

Ich habe überhaupt kein Pokerface – also gar nicht. Aber manchen merkt man überhaupt nicht an, wenn sie was eingestellt haben. Ich meine, Schach ist im Endeffekt ein Spiel mit vollständigen Informationen. Wenn man einen Fehler gemacht hat, und dann auch noch reagiert, ist es einfacher für den Gegner. Aber der Gegner kann ja trotzdem selber rechnen. Also ich glaube, man muss nicht zwingend ein guter Pokerspieler sein, aber es hilft vielleicht.

Dass Fehler passieren, ist menschlich. Schon länger sind Computerprogramme den Menschen weit überlegen.

Ja, die Schachprogramme haben mittlerweile bewiesen, dass Schach in der Ausgangsstellung immer Remis endet, wenn es perfekt gespielt wird. Mit anderen Worten: Schach wird nur durch die Dummheit der Menschen entschieden.

Wie haben diese Computer das Schach verändert?

Der Niveau-Unterschied in der Schachwelt zwischen den Spielern wird immer geringer. Das Wissen über Schach ist inzwischen so groß und man kann mit den Engines heutzutage die Eröffnung viel schneller analysieren. Früher benötigte ein Topspieler viel mehr Zeit und ein Team, das sich um die Eröffnung kümmert. Das ist mit den Schachcomputern inzwischen nicht mehr zwingend nötig.

Zurück zum Kandidatenturnier mit langen Bedenkzeiten. Für Zuschauer teils vielleicht auch zu lang. Was macht hier den Reiz aus?

Für lange Bedenkzeiten muss man viele Stunden die Partie vorbereiten, seine Varianten wiederholen. Im Zweifel werden die Partien nur relativ langweilig, weil beide Spieler gut vorbereitet sind. Auf der anderen Seite gibt es auch in klassischen Partien nach wie vor genug spannende Partien auf Toplevel. Es ist inzwischen so, dass die meisten Topspieler mit beiden Farben Partien haben wollen. Aber ich denke, die Richtung, dass gerade klassisches Schach auch mit ein bisschen kürzeren Bedenkzeiten gespielt wird (zum Beispiel statt zwei Stunden nur noch 90 Minuten, d.Red.), ist grundsätzlich gut.

Sie sprechen die aufwendige Vorbereitung an. Es ist üblich, dass Sekundanten den Spielern zur Seite stehen. Wer ist in Ihrem Team?

Ja, ein kleines Team habe ich mir aufgebaut. Aber wer mich da unterstützt, werde ich im Vorfeld nicht verraten. Das bleibt noch geheim.

Wie ist es nach dem Corona-Boom um das deutsche Schach bestellt?

Das sieht natürlich gut aus. Wir haben mit Vincent Keymer einen Top-Fünf-Spieler, ich bin jetzt beim Kandidatenturnier und unsere Nationalmannschaft ist aktuell auch sehr gut aufgestellt. Es kommen mit Christian Glöckler, der 14 Jahre alt ist, oder Leonardo Costa (der 18-jährige Münchner wurde vor etwa einem halben Jahr zum Großmeister ernannt, d.Red.) auch junge Talente nach. Ich kann mich noch daran erinnern: 2016 habe ich das erste Mal in der Nationalmannschaft gespielt und da war ich mit Abstand der Jüngste, inzwischen bin ich seit ein paar Jahren der Älteste (lacht).

Apropos Alter: Sie werden drei Tage nach der letzten Runde 29 und können sich selbst ein nettes Geburtstagsgeschenk machen. Beim Kandidatenturnier wird mit 700.000 Euro ein Rekordpreisgeld ausgeschüttet.

Ja, aber sicher hat man tatsächlich nichts. Es gibt für die ersten drei Plätze Preisgeld und ansonsten gibt es für jeden halben Punkt, den man holt, 5000 Euro. Man hat als Spieler natürlich fast eine gewisse Garantie, dass man ein paar Punkte holen wird. Aber wenn ich einen Komplett-Ausfall habe, mich physisch gar nicht ins Brett bewegen oder überhaupt nicht nachdenken kann und jede Partie verliere, dann würde ich mit 0 Euro zurückgehen.

Können Sie überhaupt von den Preisgeldern im Schach leben?

Aktuell kann ich recht gut davon leben. Aber es liegt natürlich auch am großen Erfolg im letzten Jahr mit der Qualifikation. Alleine bei dem Turnier habe ich 53.000 Euro gewonnen. Brutto versteht sich.

INTERVIEW: ALEXANDER VORMSTEIN

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