„Was für eine Gesellschaft wollen wir sein?“ Hainer lebt „Rot gegen Rassismus“ vor. © IMAGO/Wunderl
Die Liga zeigt Kante: Kimmich und Co. gegen Union. © IMAGO
„Kein Abpfiff“: Hainer am Aktionsspieltag.
München – In diesem Besprechungsraum am FC Bayern Campus wird ausgiebig diskutiert. „Warum darf ich das N-Wort nicht mehr benutzen?“, wurde gerade in die Runde geworfen. Wo 25 Clubmitarbeiter und Mitglieder des FC Bayern-Ehrenamtsprogramms „PACK MA’S“ anlässlich der Internationalen Wochen gegen Rassismus (16. bis 29. März) zu einem Workshop zum Thema Vielfalt zusammenkommen, gibt es eine Menge Redebedarf. Aber genau so soll es ja auch sein. Gegenüber unserer Zeitung sagt Präsident Herbert Hainer: „Sport bringt Menschen zusammen, ein Verein verbindet. Ich sage immer wieder gerne: Begegnung statt Blase, Begegnung statt Parole – nur wer miteinander redet, versteht sich.“
Hainer ist an diesem Freitag vor dem Heimspiel gegen Union Berlin mittendrin. Der Terminplan des 71-Jährigen ist eng, aber wie ernst der Verein die Themen Rassismus, Vielfalt und Respekt nimmt, wird vom Präsidenten vorgelebt. Im Aktionszeitraum, in den die DFL auch den Spieltag unter dem Motto „TOGETHER! Stop Hate. Be a Team.“ am vergangenen Wochenende gelegt hat, setzt der FC Bayern wie in jedem Jahr unterschiedliche Zeichen; und im Rahmen seiner 2020 gestarteten Initiative „Rot gegen Rassismus“ ist es ihm wichtig, auch inhaltlich zu wirken. Daher der Workshop in bewusst kleinem Rahmen. Sensibles Gesprächsklima schafft Offenheit. Es gibt unterschiedliche Meinungen, aber keine Tabus.
Die Frage, wie politisch Sport sein darf, kann, muss, spielt in diesen Stunden am Freitagabend eine untergeordnete Rolle. Für Hainer ist sie ohnehin geklärt. „Bei Themen wie Rassismus oder Ausgrenzung kommt der Sport auch irgendwann an einen Punkt, an dem man aufstehen muss und sagt: Bis hierher und nicht weiter!“, sagt er und hat schon Recht: Längst ist Fußball nicht mehr allein das, was auf dem Spielfeld passiert. Am Ende lautet laut Hainer die zentrale Frage: „Was für eine Gesellschaft wollen wir sein?“ Bei kickenden Millionen-Stars im Rampenlicht wirkt sie weit über den Fußballplatz hinaus.
Vor wenigen Wochen hat das Thema noch einmal einen Schub bekommen. Der knapp zwölfminütige Monolog, den Trainer Vincent Kompany als Reaktion um den mutmaßlich rassistischen Vorfall um Vinicius Jr. spontan hielt, bezeichnet Hainer als „bemerkenswerte Rede einer bemerkenswerten Persönlichkeit“, tief berührend. Kompanys Botschaft ist bei ihm hängen geblieben: „Dass Menschen zu oft in Gruppen gesteckt werden, die dann auseinanderdriften – und dass wir uns damit Chancen nehmen.“ Nicht verbohrt für einen Standpunkt kämpfen, „sondern lieber darauf schauen, was uns verbindet, war Kompanys Appell. Dem kann man sich nur anschließen.“
Das gilt dieser Tage – aber auch an allen anderen im Jahr. Die Sichtbarkeit wird genutzt, um darüber hinaus nachhaltig zu wirken. Mit Aktionen wie Aufwärmshirts und Bannern bei den Spielen der Basketballer und Fußball-Teams zeigt man Haltung. Fundamental aber ist, dass „Respekt, Vielfalt, Weltoffenheit keine Schlagworte sind, sondern unser Zusammenleben und unseren Alltag prägen“. Das „Rot gegen Rassismus“-Kernteam trifft sich einmal pro Woche, einmal im Monat werden 20 weitere Mitarbeiter aus allen Abteilungen des Vereins dazugeholt.
Einen „Abpfiff gibt es beim sozialen Engagement nicht“, sagt Hainer, im Gegenteil. Bereits zum vierten Mal hat der Rekordmeister dieses Jahr ein Erinnerungswochenende mit der Israelitischen Kultusgemeinde um Charlotte Knobloch veranstaltet – und im Mai lädt der Verein zu weiteren Zeitzeugengesprächen mit dem Holocaust-Überlebenden Abba Naor ein. Im Auditorium: Mitglieder sowie Spielerinnen und Spieler aus den Nachwuchsmannschaften. Früh die richtigen Weichen zu stellen, Werte zu vermitteln, klare Kante zeigen, so Hainer: „Das überwindet Barrieren, auch in den Köpfen.“
Man merkt es an diesem Tag im Raum am Campus, wo auch mal Unsicherheit herrscht. Was macht man, wenn Rassismus im Alltag auftritt? Wie geht man mit Betroffenen um? Wie benennt man Täter? Mitnehmen kann man viel. Und allem voran die Gewissheit, dass das Thema Rassismus nie ausdiskutiert ist. Und auch nie ausdiskutiert sein darf.HANNA RAIF