Ob Emma Aicher wegen ihrer oft einsilbigen Antworten Kult ist oder nur medienscheu, darüber streiten sich die (Ski-) Geister. Fest steht: Die junge Frau wird in den kommenden Jahren noch für viel Aufsehen sorgen. Denn eine Skifahrerin wie Aicher dürfte es nicht mehr geben. Warum? Die erst 22-Jährige wechselt die Skilänge so spielerisch wie Bayerns Außenstürmer Michael Olise seine Laufrichtung. Dabei sind die Alleskönnerinnen eigentlich ausgestorben.
Einzig Mikaela Shiffrin – wem sonst – gelangen noch Weltcupsiege in allen Disziplinen (Slalom, Riesenslalom, Super-G, Abfahrt). Doch selbst die beste Skifahrerin, die es je gab, konzentrierte sich zuletzt nur noch auf die Technikdisziplinen. Alles andere wäre zu trainingsintensiv und mental mit Blick auf das Risiko in den Speedbewerben zu belastend. Richtig gut war Shiffrin in diesem Winter nur im Slalom, dort dafür überragend.
Im Riesenslalom hinkte die Amerikanerin ihrer früheren Form (22 Siege) hinterher. Deswegen und weil Aicher seit Olympia plötzlich auch in ihrer bisher schwächsten Disziplin eine Podestkandidatin ist, wurde es noch einmal spannend im Kampf um den Gesamtweltcup. Wäre die Saison zwei Wochen länger gewesen, hätte Aicher die große Kugel hochgestemmt. Dass es einmal – womöglich schon 2027 – dazu kommen wird, ist keine gewagte Prophezeiung. Denn die Deutsch-Schwedin, die als 16-Jährige spontan beschloss, nicht zurück in den Norden zu reisen, sondern am Skiinternat in Berchtesgaden zu bleiben, hat in den vergangenen sechs Jahren eine Entwicklung vollzogen, die sie sich vielleicht selbst nicht zugetraut hat.
Dabei ist Aicher keine Perfektionistin à la Marcel Hirscher, der 100 Ski im Sortiment hatte. Sie hat auch nie den Drill wie Janica Kostelic durch ihren Vater erfahren. Emma lebt von ihrer gefühlvollen Skiführung und ihrem selbstadaptiven Lernverhalten. „Sie ist ein Biest“, sagt die Schwedin Sara Hector. Und, abseits der offiziellen Kameras und Mikrofone, auch eine Ulknudel. Das beweisen ihre Vlogs und Posts in den Sozialen Medien. Zum Glück kommt der nächste Winter schneller, als man denkt. Nur noch 212 Tage bis Sölden…