Will wieder an den Rasenrand: Martin Schmidt. © IMAGO
„Das ist ein Spiel auf Augenhöhe“: Was Schmidt sagt, unterstreicht die Statistik. Zuletzt gab es drei Remis– wie hier beim 1:1 bei der EURO 2024. © Gambarini
München – Vor eineinhalb Jahren hat sich Martin Schmidt als Sportdirektor von Mainz 05 aus privaten Gründen zurückgezogen. Dass der 58-Jährige aber nach wie vor für den Fußball brennt, merkt man in jeder Sekunde des Gesprächs mit ihm. „Der Traum ist, wieder zurückzukommen, am liebsten an der Seitenlinie“, sagt der Schweizer – ein Top-Experte für das Freundschaftsspiel zwischen seinem Heimatland und Deutschland heute.
Herr Schmidt, ist das Spiel Schweiz gegen Deutschland ein persönlicher Feiertag?
Für die ganze Schweiz ist es immer ein Highlight. Eine große Partie, allein aus historischer Sicht. In Deutschland hat man früher das Spiel vielleicht nicht immer ganz so ernst genommen. Aber in den letzten Jahren ist die Schweiz ein echter Kontrahent geworden, auf Augenhöhe. Außer 2012 war man bei jedem großen Turnier – als Land, das in etwa so groß ist wie Baden-Württemberg. Irgendwas muss man sehr gut machen, das hat man auch in Deutschland wahrgenommen.
Remo Freuler hat das Spiel als „kleines Derby“ bezeichnet.
Ich finde es ist ein Bruder-Duell, der kleine gegen den großen Bruder. Aber Derby passt auch. Ein anderes aber als Schweiz – Italien. Das hat noch mal eine andere Strahlkraft in der Schweiz. Womöglich ja in der Gruppenphase der WM.
Was wäre in der Schweiz los, wenn man gegen Deutschland verliert?
Man kann es so sagen: Die Schweiz gewinnt, wenn sie nicht verliert. Deutschland verliert, wenn es nicht gewinnt. Hier wäre eine Niederlage ein Ausrutscher und ein Alarmzeichen zugleich. Es würde das wackelige Gefühl, das viele mit Blick auf die Nationalmannschaft haben, verstärken. Und das kann so kurz vor der WM niemand gebrauchen.
Der letzte DFB-Sieg gegen die Schweiz rührt von 2008. Ist die Schweiz fast schon ein Angstgegner?
Die drei jüngsten Remis zeigen zumindest, dass die Schweiz mehr aufgeholt hat, als Deutschland davongezogen ist. Um gegen Deutschland zu gewinnen, braucht es noch mehr. Aber man wird nicht aus dem Stadion geschossen – und das ist schon viel wert. Was man daran auch sieht: dass beide nicht verlieren wollen. Weil das Duell schon prestigeträchtig ist. Aber einen Faktor darf man nicht vergessen.
Welchen?
Dass Deutschland den Aufschwung der Schweiz ja mitgeprägt hat. Ein Großteil der Schweizer Spieler werden in Deutschland aus- und weitergebildet. Allein aus dem jetzigen Kader sind acht Spieler in der Bundesliga aktiv, viele weitere spielten schon in der höchsten deutschen Spielklasse. Ich bin mir auch sicher, dass es – obwohl es ein Freundschaftsspiel ist – zur Sache gehen wird. Allein aus dem Grund, dass jeder junge Schweizer, der ran darf, weiß: Wenn ich da gut spiele, ist das der kürzeste Weg in die Bundesliga.
Ist das das Schweizer Geheimnis?
Eines davon. Wir haben nur rund ein Zehntel der Einwohner von Deutschland, trotzdem konnten wir zuletzt bei großen Turnieren meist besser abschneiden als die DFB-Elf. Mit der WM 1994 kam der klare Aufschwung. Die Gründe dafür sind vielfältig. Seit den neunziger Jahren wurden klare Spielprinzipien geschaffen. In der Nachwuchsausbildung gibt es landesweite Strukturen. Und vergessen darf man auch nicht die Zuwanderung in den neunziger Jahren, die unserem Fußball einen Schub gegeben hat. Und man setzt auf kontinuierliche Arbeit beim Staff und auch beim Trainer. Murat Yakin ist auch bald fünf Jahre im Amt.
Hat er schon mehr von seinem WM-Gerüst gefunden als Julian Nagelsmann?
Definitiv. Die Aufstellung der Schweiz ist ja seit Monaten gesetzt. Er hat einen klaren Kader und eine Kampfmannschaft aus 13, 14 Spielern, viele von ihnen sehr erfahren. Es gibt eine klare Hierarchie, jeder kennt seine Rolle. Wie eingespielt die Schweiz ist, zeigt die Bilanz 2025: Zehn Spiele, sieben Siege, drei Remis und ein Torverhältnis von 26:6. Das ist ja konträr zum Vorgehen unter Nagelsmann. Er hat die Türen komplett geöffnet und viel ausprobiert in den letzten Monaten.
War das der richtige Weg – oder zu riskant?
Die Frage kann man erst nach der WM beantworten. Er musste ja in dieser Zeit auch einen Generationswechsel vollziehen, den Kader neu formen. Das Grundgerüst ist in Deutschland da, der Prozess abgeschlossen, Nagelsmann kennt sein WM-Team. Er muss es jetzt mit Leben füllen.
Die Schweizer Achse aus Kobel, Akanji, Xhaka, Embolo ist erfahren, im fortgeschrittenen Fußball-Alter. Darf man nicht vom ganz großen Wurf träumen?
Stünde jetzt eine EM an, würde ich sagen, man kann aufs Halbfinale schielen – in Europa haben sich verschworene Einheiten wie Dänemark oder Griechenland auch schon durchgesetzt. Eine WM aber ist eine andere Hausnummer. Das Viertelfinale wäre schon ein Erfolg.
Was muss die deutsche Zielsetzung sein?
Weltmeister zu werden. Das hat Nagelsmann im Anschluss an die EM selbst gesagt – daran muss er sich auch messen lassen. Auch wenn es nicht zum aktuellen Selbstbewusstsein der Spieler passt. Man muss auf diesen Titel hinarbeiten. Ich kann keine Garantien geben, was passiert, wenn man plötzlich im Viertelfinale steht.
Sie glauben an den deutschen Titel?
Jeder hat dieses zweimalige Scheitern in der Gruppenphase im Kopf. Ist diese Klippe mal überwunden, kann Deutschland in einen Rausch kommen wie 2014. Und dann kann Nagelsmann mit diesem Team und den klassischen deutschen Tugenden alles erreichen.
Wäre die Generation Kimmich bei einem weiteren frühen Aus unvollendet?
Nein, das ist eher bei der Schweiz und der Generation Xhaka der Fall. Denn der Umbruch, den Deutschland schon geschafft hat, muss bei uns in den nächsten Jahren erfolgen. Die Generation in Deutschland hat noch ein bisschen Zeit – oder noch mehr: Die WM kann der Anfang von etwas Großem sein. Wobei sie vielleicht zwei Jahre zu früh kommt. Ich sehe Deutschland mit diesem jungen Team als Favoriten für die EM 2028.
INTERVIEW: HANNA RAIF