XY (un)gelöst

von Redaktion

Neue IOC-Richtlinie: Geschlechtstests für Frauen nun verpflichtend – Trump gefällt‘s

IOC-Präsidentin Kirsty Coventry. © Wallskog/IMAGO

Lausanne – Donald Trump ist zufrieden, Kirsty Coventry sogar „sehr stolz“. Der mächtigste Mann der Welt und die ranghöchste Person im Sportkosmos bewegen sich gut zwei Jahre vor den Olympischen Spielen in Los Angeles in der gesellschaftlich hochbrisanten Debatte um Geschlechteridentität nun auf einer Linie. Die Grauzone ist abgeschafft, laut eines IOC-Beschlusses dürfen nur noch „biologische Frauen“, die einen genetischen Geschlechtstest (SRY-Test) bestehen, gegeneinander antreten. Damit sei Fairness gewährleistet, betonte Coventry. Doch Klarheit herrscht, wenn überhaupt, nur auf den ersten Blick.

„Meine Sorge ist, dass der Sport hier instrumentalisiert wird, um eine allgemeine, ideologisch geprägte Gender-Debatte auf der Bühne des Sports auszutragen. Der Sport muss dafür herhalten, eine Eindeutigkeit zwischen den Geschlechtern herzustellen“, kommentiert Bettina Rulofs, Professorin für Diversitätsforschung an der Deutschen Sporthochschule (DSHS) in Köln. Resümierend sprach die renommierte Wissenschaftlerin von einem „Rückschritt“.

Nach 30 Jahren kehren Geschlechtstests zurück in den Kosmos der fünf Ringe. Die Maßnahme schließt faktisch Transgender-Athletinnen und nicht zuletzt auch einen Großteil der intersexuellen Athletinnen, die zwar genetische Variationen aufweisen, aber von Geburt an als weiblich gelten, vom Frauensport aus. Von der Regelung ausgenommen sind Athletinnen, die eine „vollständige Unempfindlichkeit gegenüber Androgenen“ oder andere seltene Varianten/Störungen der Geschlechtsentwicklung (DSD) nachweisen können, und nicht von den leistungssteigernden Effekten von Testosteron profitieren.

Rulofs‘ DSHS-Kollege Wilhelm Bloch spricht deswegen von einer „Beweislastumkehr“. Der Professor der Sportmedizin gibt zudem zu bedenken, eine Hormoninsensitivität sei „nicht gleich bei A wie bei B oder bei C. Das heißt, hier haben wir verschiedene Graduierungen – und wo ziehen wir die Grenze“, kritisiert der Hochschullehrer.

Groß ist die Empörung in Frankreich, wo SRY-Tests verboten sind, weswegen etwa Frankreichs Boxerinnen geschlossen auf die Teilnahme an der WM 2025 verzichtet hatten. Die Regierung des nächsten Gastgeberlandes von Olympischen Winterspielen schaltete sich am Freitag ein. „Wir lehnen eine Verallgemeinerung der Gentests ab, die zahlreiche ethische, rechtliche und medizinische Fragen aufwirft“, sagte Frankreichs Sportministerin Marina Ferrari.

Auf das IOC, das offenkundig einen weiteren polarisierenden Fall wie den der Boxerin Imane Khelif bei den Olympischen Spielen 2024 verhindern will, dürfte bald eine Welle losrollen: Schätzungen zufolge sind rund 1,7 Prozent der Weltbevölkerung intergeschlechtlich. Wenn die sportlichsten unter ihnen demnächst vor Gerichten um ihr Teilnahmerecht streiten sollten, wäre es schnell wieder vorbei mit der vermeintlichen Klarheit.SID

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