Zum Knutschen: Wettberg mit Roman Wöll. © privat
König von Giesing! Wettberg bejubelt den Aufstieg. © Imago
König der Löwen? Wettberg als Vizepräsident. © Imago
Fußballverrückt und fannah: Karsten Wettberg gab dem BR ein unvergessliches Unterhosen-Interview. © Imago
München – Die Nachricht erwischt ihn kalt. Roman Wöll ist gerade im Auto unterwegs, als ihn der Anruf mit der traurigen Nachricht erreicht: Karsten Wettberg ist im Alter von 84 Jahren gestorben. Wöll fährt rechts ran, muss sich erst mal sammeln. „Ach, Gott“, sagt der treue 1860-Fan und flucht leise. Dann: „Das trifft mich, das trifft mich jetzt sehr.“
Für einen wie ihn, der die Löwen lebt, ist der Tod von Karsten Wettberg mehr als eine Schlagzeile. Es ist der Verlust eines Weggefährten. „Der war wirklich ein Freund“, sagt der 71 Jahre alte Allesfahrer. „Der war bei meinen Geburtstagen, ich war bei ihm, wenn er einen runden hatte. Wir haben uns immer gesehen.“ Wettberg sei für ihn „einer von uns“ gewesen, nahbar, bodenständig. „Zu jedem hatte er Kontakt. Zu uns alten Fans, zu den Jungen für Autogramme. Das war einfach ein Mensch zum Anfassen.“
Auch sportlich steht Wettberg für Wöll über vielen anderen – sogar über Werner Lorant. „Persönlich siedel‘ ich ihn sogar über dem Lorant ein“, sagt er. „Der Wettberg hat uns damals wieder raufgebracht. Nach neun langen Jahren, wo wir weg waren – und dann kommt er und liefert sofort.“
Ähnliches hört man von einem, der noch näher dran war am „König von Giesing“: Thomas Miller (63), von den Fans als „Fußballgott“ verehrt. Auch Miller, damals ein eisenharter Manndecker, ringt um Worte. „Traurig“, sagt er. „Wenn man die Leute so lange kennt.“
Miller gehörte zu jener Mannschaft, die unter Wettberg Geschichte schrieb – mit einer bis heute unerreichten Serie von 54 Pflichtspielen ohne Niederlage. „Das ist Vereinsrekord“, erinnert er. „Punktspiele und Pokal – alles zusammen.“ Für ihn steht fest, wem dieser Lauf zu verdanken war: „Vor allem das Menschliche hat Wettberg ausgemacht. Das war entscheidend. Er hat uns mitgenommen. Er hat uns das Gefühl gegeben, dass jeder wichtig ist. Er war ein toller Mensch, ein toller Trainer. Die Sechzger haben ihm viel zu verdanken – und ich persönlich auch.“
Dass daraus mehr wurde als ein reines Arbeitsverhältnis, zeigt sich Jahre später. „Wir haben bis letztes Jahr sehr guten Kontakt gehabt“, erzählt Miller. Selbst im hohen Alter stand Wettberg noch auf dem Platz – bei Benefizspielen des „Sternstunden“-Teams. „Über 80, und er war noch Spielführer. Hat selber noch gegen den Ball getreten. Wahnsinn!“
Für Wöll sind es genau diese Bilder, die bleiben. Die Emotionen. Die Nähe. Der Aufstieg 1991, als die Grenzen zwischen Trainer und Fans verschwammen. „Seine Auftritte im Stadion – das war Wahnsinn“, erinnert er sich. „Wir haben ihn getragen. Das habe ich so bei keinem Trainer mehr erlebt.“
Wettberg war kein Lautsprecher, keiner, der sich in den Vordergrund drängte. Und doch war er öffentlich ganz nah dran an seinem Verein. Selbst als die Kräfte nachließen. „Ich habe ihn noch ein paar Mal bei den Spielen gesehen“, erinnert sich Wöll. „Da war er schon nicht mehr ganz so fit. Aber er war wenigstens noch da.“ Am Telefon habe man gemerkt, „dass er manchmal länger gebraucht hat“. Ein langsamer Abschied. Der endgültige kam nun viel zu früh. „Ich habe es nicht befürchtet, dass er jetzt schon stirbt“, sagt Wöll.
Es ist ein bitteres Déjà-vu für die Löwen-Familie. Erst vor einem Jahr, an Ostersonntag, starb Werner Lorant. Jetzt, wieder kurz vor den Feiertagen, löst Wettbergs Tod tiefe Trauer aus. „Das ist schon Wahnsinn“, sagt Miller. Wettberg hatte 1860 nach neun Jahren im Amateurlager erlöst. Lorant, sein direkter Nachfolger, setzte noch einen drauf: Durchmarsch von der Bayernliga bis fast in die Champions League.
Und Wöll? Für den war schon Ostern 2025 getrübt. Und auch gestern brauchte er lange, um den Wettberg-Schock zu verdauen. Trotzdem steht für ihn fest: „Zur Beerdigung, da geh‘ ich hin, das ist klar.“ Löwen-Freundschaft, die über den Tod hinausgeht.ULI KELLNER