Nicht sein Spiel: Nico Schlotterbeck (r.). © KEFALAS/Imago
Die Mienen verraten den Ärger: Drei Gegentore waren zu viel für den Geschmack von Angelo Stiller, Serge Gnabry, Joshua Kimmich, Jonathan Tah und Oliver Baumann (v.l.). © Imago
Stuttgart – Wo steht die Nationalmannschaft knapp zweieinhalb Monate vor dem Start der Weltmeisterschaft? Darauf lieferte das 4:3 gegen die Schweiz am Freitagabend eine zwiespältige Antwort – denn es zeigte sowohl die Stärken als auch die Schwächen der DFB-Elf ziemlich deutlich. „Ich habe viel Gutes gesehen, wir haben viele Tore erzielt und viele Chancen herausgespielt“, erklärte Julian Nagelsmann über die Offensive um den herausragenden Florian Wirtz (siehe Text auf der nächsten Seite), die mit vielen schnellen Kombinationen für Euphorie sorgte.
„Trotzdem gibt es ein paar Punkte, die wir besser machen können im Verteidigen.“ Damit hatte der Bundestrainer freilich Recht, schließlich offenbarte seine Mannschaft teils gravierende defensive Schwächen: Die Abstimmung zwischen Viererkette und Doppelsechs funktionierte noch nicht, Joshua Kimmich als Rechtsverteidiger schob teils viel zu weit nach vorn und verließ seine Position zu leichtfertig. Und mit Nico Schlotterbeck erwischte ausgerechnet einer der zwei Innenverteidiger, auf die sich Nagelsmann zuvor als Defensiv-Duo festgelegt hatte, einen rabenschwarzen Tag.
„Er war mit Ball ein bisschen unsicher und unkonzentriert in der einen oder anderen Situation. Das 0:1 hat er mit eingeleitet, aber Haken dran“, so der Bundestrainer. „Ich will, dass die Jungs Dinge probieren und mutig sind, er kriegt keinen Rüffel.“
Intern dürfte er aber sehr wohl ansprechen, dass Schlotterbeck mit seinen zwei Fehlpässen an den ersten beiden Gegentreffern beteiligt war. Dabei ist der Spielaufbau eine seiner großen Qualitäten, wie auch Teamkollege Pascal Groß betonte: „Damit löst er ganz viele Probleme, wenn der Gegner uns anläuft.“
Für die heutige Partie gegen Ghana (20.45 Uhr/ARD) hofft Nagelsmann nun auf eine stabilere Leistung des ansonsten in dieser Saison stark aufspielenden Verteidigers – auch, um eine öffentliche Debatte über die Innenverteidigung zu vermeiden. Schließlich saß mit Antonio Rüdiger ein langjähriger Führungsspieler 90 Minuten auf der Bank, der Star von Real Madrid hat aktuell die ungewohnte Rolle als Nummer drei. Bislang vernimmt man von ihm keinerlei Störgeräusche.
Sollte sich die Defensive nicht stabilisieren, dürfte eine Debatte um die Besetzung der Innenverteidigung aber noch mal an Fahrt gewinnen. „Toni hat so viel Erfahrung und so viele Titel gewonnen, ich habe größten Respekt vor dem, was er geleistet hat – aber auch vor dem, was Schlotti noch leisten wird“, gab sich Tah diplomatisch zur Situation im Defensivzentrum.
Und so bleibt vorerst der Eindruck der letzten Monate, der sich gegen die Schweiz einmal mehr bestätigt hat: Offensiv kann diese Mannschaft jeden Gegner vor Probleme stellen – die Defensive bereitet mit Blick auf die WM aber weiter Sorgen.V. TSCHIRPKE, M. BONKE