Beim roten Sofa sah er Rot

von Redaktion

Trainer, Typ, Unikum: Reporter Claudius Mayer erinnert sich an Karsten Wettberg

Die wichtigste seiner 51 Trophäen: Karsten Wettberg mit dem Meister- bzw. Aufstiegspokal 1991 – die Fans auf dem Marienplatz feierten ihren „König von Giesing“. © Imago

Tag der Erlösung: Roman Wöll und Fredl Braun danken Wettberg für den Aufstieg in die 2. Liga (am 16. Juni 1991). © privat

Auf der Wiesn: Wettberg mit Claudius Mayer. © privat

München – Es war im Herbst 1988, als ich das erste Mal Bekanntschaft mit Karsten Wettberg machte. Auf der Pressekonferenz nach dem Bayernliga-Derby zwischen den Löwen und der SpVgg Unterhaching. Wettberg war ganz stolz darauf, dass seine Hachinger ein 1:1 errungen hatten und hielt einen Monolog von gefühlt einer halben Stunde über das Spiel. Die Journalisten kamen gar nicht erst dazu, eine Frage zu stellen. Als er dann endlich fertig war, fragte ich meinen Kollegen von der Bildzeitung, der auch Unterhaching betreute: „Du sag mal, labert der immer so viel?“ Als Antwort gab‘s ein Grinsen und ein Kopfnicken. Knapp eineinhalb Jahre später hatte ich dann fast täglich mit Wettberg zu tun. Anfang 1990 löste er Willi Bierofka als Löwen-Trainer ab. Sein Auftrag: Aufstieg in die 2. Liga. Ungeschlagen beendete Wettberg die restlichen elf Spiele, aber das 3:3 zum Abschluss gegen Schweinfurt 05 (mit Trainer Werner Lorant) reichte nicht für Platz 1 und die Aufstiegsrunde. Da fehlten Wettberg erstmals die Worte.

Mit neuem Elan ging‘s aber in die nächste Saison. Und Verlieren war für ihn und die Löwen weiterhin ein Fremdwort. Wir lernten uns natürlich immer besser kennen, und ab und zu trafen wir uns abends in einer Kneipe in Erding. Zusammen mit seinen Spielern Walter Hainer und Albert Gröber, die wie ich in Erding wohnten. Wettberg chauffierte uns immer heim, dabei missachtete er einmal die Vorfahrt und wurde prompt von der Polizei gestoppt. Ein Beamter wollte den Führerschein sehen. „Wettberg, Wettberg“, murmelte er, „sind Sie nicht der Trainer von Schweinfurt?“ Walter Hainer rastete auf der Rückbank fast aus. „Der is vo Sechzge, du Ahnungsloser“, brüllte der Löwen-Libero. Wettberg musste dann noch ins Röhrchen blasen, aber das Viertel Wein, das er zuvor getrunken hatte, reichte nicht für einen Führerscheinentzug. Trotzdem knurrte er: „Nach Erding kimm i nimmer…“

Die Saison lief wie geschmiert für die Löwen. In keinem der 30 Punktspiele gab es eine Niederlage, auch nicht in den sechs Aufstiegsspielen, und der TSV 1860 war nach neunjähriger Abstinenz endlich zurück in der 2. Liga. Wettberg wurde von den Fans (und Ex-OB Georg Kronawitter) zum „König von Giesing“ gekrönt. Allerdings gab es seit einem halben Jahr an der Vereinsspitze ein Novum im deutschen Fußball. Die Löwen besaßen plötzlich eine Präsidentin: Liselotte Knecht.

Und die ehemalige Turnerin beanspruchte den Erfolg der Fußballer auch für sich. Knecht wusste sich durchaus geschickt in den Mittelpunkt zu setzen, was Wettberg mächtig gestunken hat. Das Fass zum Überlaufen brachte ein TV-Interview für ein ZDF-Frauenmagazin, das auf dem Einser-Trainingsplatz stattfand, und das auch noch auf einem roten Sofa! Wettberg verjagte laut fluchend Päsidentin und Journalistin vom Übungsgelände. Natürlich samt Sofa.

Danach herrschte Krieg zwischen Wettberg und Knecht. Bereits beim Empfang im Rathaus, wo Oberbürgermeister Kronawitter die Löwen empfing, machte das Gerücht die Runde, dass das Präsidium nach einem neuen Trainer Ausschau halten würde. Die Traute hatten sie dann aber doch nicht, erst als die Löwen in der 2. Liga immer mehr in Abstiegsgefahr gerieten, wurde Wettberg nach dem 0:1 in Leipzig am letzten Spieltag gefeuert. Ohne ihn stiegen sie in der anschließenden Qualifikationsrunde sang- und klanglos ab.

Nachdem ihm seine Entlassung mitgeteilt worden war, wurde Wettberg von Liselotte Knecht in Karl-Heinz Wildmosers (mittlerweile Vizepräsident) Gasthof Hinterbrühl bestellt. Wettberg erzählte mir hinterher, wie das Ganze ablief: „Die Knecht wollte mir einige Punkte vorlesen, an die ich mich zu halten hätte. Unter anderem, dass ich das Trainingsgelände nicht mehr betreten dürfe. Als ich sie daraufhin nur auslachte, wurde sie fuchsteufelswild und forderte mich auf, das Ganze auch noch zu unterschreiben. ‚I unterschreib des net‘ habe ich geantwortet, worauf sie verzweifelt zu Karl-Heinz Wildmoser blickte. Der tätschelte ihre Hand und lächelte: ‚Beruhig di Dearndl. Wenn er net mog, dann mog er hoid net.‘“

Wettberg und ich haben uns nie aus den Augen verloren. Und ich habe ihn immer gern geneckt. Zum Beispiel mit meinem Ranking der erfolgreichsten Löwen-Trainer: Max Merkel vor Werner Lorant, Heinz Lucas und ihm. Womit er gar nicht einverstanden war. „Ich war erfolgreicher als Lorant, weil ich x-mal Meister geworden bin.“ Und dann zählte er all seine Titel im Amateurbereich auf…

Servus, du Scherzkeks.CLAUDIUS MAYER

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