72 Tage, das hört sich noch ziemlich lang an – ist es aber nicht. Und zwar weder für die deutsche Nationalmannschaft noch für ihre Anhänger. In Fußball-Ereignissen gedacht geht die WM in den USA, Kanada und Mexiko in sieben Liga-Spieltagen, drei DFB-Pokal-Abenden, sieben Kracher-Runden in der Champions League und zwei Testspielen los. In Normalo-Ereignissen sind es nicht mal mehr 50 Arbeitstage, vielleicht ein kleiner Urlaub, drei Freibad-Besuche und zwei Stammtische bis dahin. Ja, so langsam wird’s ernst, auf dem Feld, den Tribünen und vor dem TV. Und spätestens seit den beiden Testspielen gegen die Schweiz und Ghana ist das auch jedem klar.
Die Erfahrung lehrt: Das meiste, das im Fußball in den kommenden Wochen passiert, wird im Kontext zum großen Turnier stehen. Jedes Wort, jedes Wehwehchen, jede Formdelle, jedes Tor. Aber genau das macht die Sache ja ab jetzt auch so spannend. Die nun absolvierten März-Länderspiele waren nicht nur der Startschuss in den Endspurt, sondern haben die DFB-Elf auch all denjenigen, die in den vergangenen Jahren vielleicht weniger zugesehen haben, zurück auf den Radar gespielt. Man weiß jetzt wieder, dass Florian Wirtz kicken kann, Joshua Kimmich rechts hinten gebraucht wird und Leroy Sané mehr liefern muss. Und man schaut daher auch als Konsument gerne dabei zu, wie sich der finale Kader aus 26 Spielern formiert.
Der 12. Mai ist rot markiert. Drei Tage vor dem letzten Bundesliga-Spieltag wird Julian Nagelsmann seine WM-Truppe bekannt geben. Und zusätzlich zu den in den vergangenen Tagen involvierten 26 Männern warten in den Reha-Zentren der Fußball-Republik noch ein Haufen weiterer.
Der Fall Jamal Musiala polarisiert: Rennt dem Bayern-Star die Zeit davon? Kommt der Dortmunder Felix Nmecha noch in Tritt? Gibt es vielleicht sogar ein Wunder bei Marc-Ande ter Stegen? Nagelsmann muss über diese Themen grübeln, ehe es Anfang Juni in die USA geht. Und alle anderen können sich jetzt zurücklehnen – und das WM-Vorgeplänkel 72 Tage lang genießen. Viel Spaß!