„Wir sind kein Favorit“

von Redaktion

Bundestrainer Nagelsmann zieht ernüchterndes Fazit vor der WM

Nagelsmann peitscht sein Team an. © Rudel/Imago

Die Abwehr um Rüdiger strauchelte. © sampics

Deutschland besiegte Ghana mit 2:1, trotzdem bleiben offene Fragen. © Herbertz/Imago

Stuttgart – Es ist noch gar nicht lange her, da ließ Julian Nagelsmann auf einer Pressekonferenz aufhorchen: „Es tut weh, dass man zwei Jahre warten muss, bis man Weltmeister wird“, sagte der Trainer im Juli 2024 nach dem EM-Aus gegen Spanien.

Keine zwei Jahre später hat sich die Stimmungslage scheinbar gewandelt: „Ich glaube nicht, dass wir Favorit sind“, erklärte Nagelsmann nach dem 2:1 gegen Ghana, das den zweiten Sieg dieser nun beendeten letzten Länderspielphase vor der WM im Sommer bedeutete – aber auch den zweiten Auftritt, bei dem die Schwächen der deutschen Mannschaft deutlich sichtbar wurden.

„Jeder weiß, dass in K.o.-Spielen alles möglich ist. Da müssen wir hinkommen, das ist das Ziel: dass wir die Gruppenphase gut überstehen“, sagte Nagelsmann daher am Montagabend mit Blick auf die WM. „Dass wir da stabiler sind als in den letzten Weltmeisterschaften, gut ins Turnier starten, da drei gute Spiele machen und uns gute Voraussetzungen für die K.o.-Phase schaffen. Dann ist in alle Richtungen etwas möglich.“

Als Ziel die Gruppenphase überstehen, dann ist etwas möglich – selten stapelte eine Nationalmannschaft vor einer WM so tief. Doch für Nagelsmanns ernüchternde Einschätzung gibt es gute Gründe:

So bleibt das Thema Konterabsicherung für die deutsche Elf die Achillesferse: Ein schneller Angriff über die linke Seite – was streng genommen nicht einmal ein Konter im klassischen Sinne war – reichte, um die stets hochaufgerückte Mannschaft beim 1:1 zu überrumpeln – und auch abseits der Tore kam Ghana immer wieder viel zu leicht über Umschaltsituationen zu Torchancen. „Wir haben die Positionen nicht mehr so besetzt, sondern haben wieder sehr viel Freestyle wie auch gegen die Schweiz gespielt“, erklärte der Bundestrainer die abfallende Leistung ab Mitte der zweiten Hälfte. „Und dann sind wir manchmal einfach nicht ballsicher genug, um diesen Freestyle zu haben.“

Zur Einordnung hilft zudem zu wissen: Jenes Ghana verlor sein vorheriges Testspiel mit 1:5 gegen Österreich. Vor allem zeigte sich am Montagabend aber, dass die Kaderqualität ein Problem ist: Von der Bank kamen – neben Lennart Karl und Leroy Sané – Josha Vagnoman, Chris Führich und Deniz Undav ins Spiel. Alle drei sind zweifelsohne formstarke Profis des VfB Stuttgart, aber eben keine Spieler von einem Weltklasse-Kaliber wie andere Nationen sie einwechseln: Bei England kommen dann Profis von Arsenal oder Manchester City aufs Feld, bei Frankreich von Liverpool oder PSG.

Am deutlichsten macht sich diese Kluft auf der Doppelsechs bemerkbar, wo vor zwei Jahren noch Toni Kroos und Ilkay Gündogan spielten. Am Montag liefen dort Angelo Stiller und Pascal Groß auf, die zweifellos bemüht waren, aber nicht denselben Stellenwert haben.

Nagelsmann sagte über die wichtige Position, auf der Felix Nmecha und Aleksandar Pavlovic verletzt ausfielen: „Die beiden sollten schon gesund werden.“ Nmecha droht allerdings die WM zu verpassen – was die Aufgabe im Sommer nicht leichter macht.V. TSCHIRPKE

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