Die Playoff-Eskalation von Ingolstadt

von Redaktion

Auge um Auge, Kopf um Kopf: Schwere Kritik an München in überharter Viertelfinalserie

Von der Legende zum Buhmann: Fabio Wagner. © Red Bull

Schweigen in der Halle, als Edwin Tropmann auf dem Eis versorgt werden musste. © Screenshot

Der Strafzeitensammler: Bei Dillon Heatherington (hier gegen Morgan Ellis) kamen 41 Minuten in die Bilanz. © IMAGO/Fotostand/Schäfer

Ingolstadt – Das Ende dieses Abends vor dem Stadion: Um den Parkplatz des Münchner Mannschaftsbusses herum hatten sich Hunderte Ingolstädter Fans versammelt. Ein Polizeibeamter hielt eine Ansprache, dass das Areal vor der Saturn Arena nun zu räumen und der Weg für die Abfahrt der Gäste freizumachen sei – denn einen Einsatz „mit Pfefferspray und Schlagstöcken“ wolle man sich ersparen. Als die Münchner Spieler schließlich schnell und geschlossen die paar Meter von den Katakomben zum Bus zurücklegten, war der Volkszorn vernehmbar. Die gegen das EHC-Team gerichteten Rufe lauteten: „Verbrecher!“ – „Bastarde!“ – Und sogar: „Mörder!“

Der Bus des EHC Red Bull München konnte dann abfahren, aber die Sicherheitslage blieb heikel. Mehrere Streifenwagen eskortierten ihn über die A9 auf dem Weg nach Hause.

Was war da geschehen am Dienstagabend in Ingolstadt, dass das vierte Match der DEL-Viertelfinalserie (Best of Seven) derart eskalierte? Dass die Stimmung schwankte zwischen stiller Betroffenheit und laut artikulierter Wut? Und dass eine Frau, die auf dem Vorplatz der Ingolstädter Arena stand, in die Nacht hinein fragte: „Lebt er noch?“

Die Sorge galt Edwin Tropmann, 20, Verteidiger beim ERC Ingolstadt. Er war auf dem Weg ins Krankenhaus. 100 Sekunden vor dem Ende des Spiels, das 7:2 für Ingolstadt stand und also längst entschieden war, fuhr der Münchner Verteidiger Fabio Wagner ihn um. In vollem Lauf, die Aktion war gegen Tropmanns Kopf gerichtet. Tropmann fiel aufs Eis, die Beine zuckten, der erste Betreuer eilte herbei, zeigte sofort an, dass weitere Hilfe benötigt würde; der Hallensprecher gab durch: „Ärzte aufs Eis!“ Nach einigen Minuten wurde Edwin Tropmann auf einer Trage vom Eis gerollt. ERCI-Sportdirektor Tim Regan bekam nach dem Spiel die Info: „Er war ausgeknockt, bewusstlos. Auf dem Weg ins Spital wurde er wieder ansprechbar. Der Zustand gilt als stabil.“ Tropmann meldete sich auf Instagram („Danke für die Genesungswünsche“), der ERC sprach von einer „Kopf- und Nackenverletzung“.

Das Spiel war nach dieser Szene nicht mehr aufgenommen worden, die Schiedsrichter legten den Puck in den Mittelkreis, es gab keine weitere Aktion mehr, man ließ die Uhr herunterlaufen. Beim übertragenden Sender MagentaSport stellte sich nur Münchens Trainer Oliver David kurz der Kamera. Pressekonferenz und Spielerinterviews wurden abgesagt, Magenta verzichtete in seiner frei zugänglichen Fünf-Minuten-Zusammenfassung, die nach der Partie zusammengeschnitten wurde, bewusst auf die Wagner-Tropmann-Szene.

Die Eskalation an diesem Abend war – ungewöhnlich – eine recht einseitige Angelegenheit. Das spiegelte sich in der Strafzeitenbilanz. Ingolstadt ging mit zehn Zwei-Minuten- und einer Disziplinarstrafe aus der Partie, mit der man in der Best-of-Seven-Serie auf ein 2:2 stellte. Bei den Münchnern jedoch gab es eine Reihe größerer Vergehen: Dillon Heatherington sammelte alleine 41 Strafminuten (2 + 2 + 10 + 2 + 5 + 20 für die abschließende Spieldauerdisziplinarstrafe), jeweils fünf Minuten zogen Taro Hirose und Yasin Ehliz, dazu kamen fünf Minuten plus eine Spieldauerdisziplinarstrafe gegen Jeremy McKenna. Summa summarum 125 Strafminuten erklärten das Ergebnis: München kassierte fünf Treffer in (teils doppelter) Unterzahl. Und es war nicht so, dass die Schiedsrichter Christopher Schadewaldt und Marian Rohatsch schlecht gewesen wären. „Sie haben gepfiffen, was ein Foul war“, sagte Tim Regan. Sechs Szenen gingen in den Videobeweis.

Man hätte vieles noch als Playoff-Schlacht abtun können, wie sie gelegentlich vorkommt, wäre da nicht die Wagner-Aktion gewesen. Sie war unfassbar auf vielen Ebenen: „Er ist keiner, der für so etwas steht“, sagt Christian Winkler, Münchens Managing Director Sports, über Fabio Wagner. Und in der Tat: Der Nationalspieler gilt als hart, aber fair, durch und durch Vernunftsmensch. Vor allem: Bis 2025 hat er elf Jahre für den ERC Ingolstadt gespielt, er ist dort eine Legende, wurde mit allen Ehren verabschiedet und als Münchner freundlich willkommen geheißen. „Ich glaube, ich habe in Ingolstadt vieles richtig gemacht“, sagte er neulich noch unserer Zeitung. Mit einem Schlag zerstörte er sein Vermächtnis, daran wird sein Instagram-Entschuldigungsvideo („Tut mir aufrichtig leid… mein Fehler… trage die volle Verantwortung“) nichts ändern. Auch eine Tragik.

München und Ingolstadt müssen beim Stand von 2:2 weiterspielen, am Donnerstag (19.30 Uhr) im SAP Garden, am Samstag (14 Uhr) in der Saturn Arena. Es werden einige Spieler gesperrt sein. Für den Lauf des Mittwochs wurden die Urteile der DEL erwartet.

Wie finden die beiden Vereine zu einem Modus, der ihnen die geordnete Abwicklung ermöglicht? Sie wollen vor Spiel fünf reden – aber die Fronten sind verhärtet. Der Ingolstädter Tim Regan kritisiert die Münchner hart: „Der Trainer muss das im Griff haben, vor allem bei diesem Spielstand. Für Red Bull München ist die Frage, wie sie Eishockey präsentieren wollen.“ So wie es am Dienstag gelaufen sei, „schadet das unserem Produkt und der Gesundheit der Spieler“. Regan, das sollte man wissen, war früher als Trainer beim Kooperationspartner SC Riessersee an das Red-Bull-Imperium angeschlossen. „Die Emotionen sind in diesem Spiel in die falsche Richtung gegangen“, räumt auf Münchner Seite Christian Winkler ein, meint aber, man solle berücksichtigen, „dass sich das nicht erst heute hochgeschaukelt hat. Wir haben auch einen Spieler, der seit Tagen daheimliegt und dem es überhaupt nicht gut geht“. Ryan Murphy ist das, er leidet seit einer Attacke des Ingolstädters Morgan Ellis im zweiten Spiel (als dieses mit 6:1 für München entschieden war) an einer Gehirnerschütterung.

Es klingt alles danach, als wäre die Serie zu einer unseligen Auge-um-Auge-, Zahn-um-Zahn-, Kopf-um-Kopf-Geschichte ausgeartetGÜNTER KLEIN

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