Der Gag hat lange mit dem FC Bayern funktioniert. Als der Rekordmeister Meisterschaft um Meisterschaft einfuhr, hieß es plötzlich: „Elfjährige Kinder kennen keinen anderen deutschen Champion, wie schlimm!“ Dabei ist die Sache in Italien nun doch viel schlimmer. Wenn sie der Weltmeister von 2006 anschickt, 2030 wieder bei einer Endrunde dabei zu sein, haben Millionen italienischer Teenager noch nie eine WM mit ihrem Heimatland erlebt. Seit Montagabend weiß man: 16 Jahre werden ohne ein einziges WM-Spiel der einst so schillernden „Squadra Azzurra“ vergehen. Mindestens.
Die Reaktionen kennt man inzwischen, die Wortwitze auch. „Mamma Mia!“ ist noch harmlos, „Bella ciao!“ genauso makaber wie die „Pizza Endstatione“ – und „notti magiche“ wird es 2026 wieder nicht geben, weil die WM einfach „bello e impossibile“ ist. Alles lustig, wenn es nicht so traurig wäre. Während schon das DFB-Team lange sukzessive an Glanz verloren hat und die Kurve nur langsam kriegt, erschüttert der fußballerische Super-GAU Italien bis ins Mark. Ausgerechnet das Land, in dem Fußball so viel mehr ist als Sport; ausgerechnet das Land, in dem man so viel mehr leidet als woanders. Die Tränen von Gennaro Gattuso waren schwer zu ertragen.
Einmal kann passieren. Das zweite Mal hinterlässt ein Trauma. Das dritte Mal einen Scherbenhaufen. Und diesen zusammenzukehren, wird dauern. Denn auch wenn das Aus den Schluss zulässt, dass dieses Team bis zur Erschöpfung gekämpft hat: Das Scheitern kam mit Ansage. Der EM-Titel von 2021 war vielleicht kein Zufall, aber auch nicht mehr, als das letzte Aufkeimen eines Mythos‘, den es nicht mehr gibt. Das Schicksal hat auch vor diversen Clubs im Fußball nicht Halt gemacht: Wer sich zu lange an die glorreiche Vergangenheit klammert, verpasst es halt, sich für die Zukunft zu rüsten.
Mit einem guten Jahrzehnt Verspätung ist man nun gezwungen, anzupacken. Und so schwer es dem Italiener fällt: Enttäuschung und Fassungslosigkeit sind da keine guten Ratgeber. Der erste Schritt dürfte den Trainer treffen, der gravierendere muss ins Strukturelle gehen. Diese (Fußball-)Nation muss sich neu erfinden – sonst gibt es bald Erwachsene, die noch nie eine WM mit Italien erlebt haben.