Rasante Serie: Am Samstag kann sich der EHC fürs Halbfinale qualifizieren. © Feiner/Imago
„Reisst euch Z´sam“: Die Münchner Fans mit einer Botschaft an das Team. © Feiner/Imago
Kleiner Freudentanz: Tobias Rieder nach dem Treffer zum 4:3, das im fünften Spiel das Siegtor war. © Red Bull/City-Press
München – Haken, Halten, Stockschlag, je zweimal Beinstellen und hoher Stock – das war alles, was an Vergehen auf den Spielberichtsbogen kam. Auf jeder Seite acht Strafminuten und kein 125 (München) : 30 (Ingolstadt) wie zwei Tage davor. Einmal musste das Eis von etwas Blut gesäubert werden, ERC-Verteidiger Leon Hüttl war von EHC-Stürmer Chris DeSousa mit dem Schläger an der Unterlippe getroffen worden. In der Schlussphase knallte Münchens Kapitän Patrick Hager mit dem Kopf aufs Eis und ging danach lieber gleich in die Kabine – aber den Check, den der Ingolstädter Morgan Ellis angebracht hatte, werteten die Schiedsrichter nach Betrachtung der Videobilder als regulär: Schulter auf Schulter.
Die Referees waren der Lette Andris Ansons, kürzlich bei Olympia an der Pfeife, und Ghislain Hebert, der bis vor einem Jahr in der NHL tätig war und dort über 1000 Spiele geleitet hatte. Das fünfte Spiel der Playoff-Viertelfinalserie zwischen dem EHC Red Bull München und dem ERC Ingolstadt verlief gesittet. Der EHC gewann es nach dem aus Spiel drei bekanntem Muster (Führen, Ausgleich hinnehmen, dann wieder absetzen) mit 6:3 (2:0, 2:3, 2:0), ein Empty-Net-Goal inklusive. In der Best-of-Seven-Serie führt der EHC mit 3:2 und kann sich am Samstag (14 Uhr) in Ingolstadt fürs Halbfinale qualifizieren. Verliert er, gibt es ein siebtes Spiel am Ostermontag.
Nach der bundesweit bekannt gewordenen Eskalation von Spiel vier (7:2 für Ingolstadt) ging es am Donnerstagabend im SAP Garden nicht nur um den Sieg, für wen auch immer, sondern um das große Ganze. Zeigen, dass es auch anders geht. Die DEL hatte bei beiden Teams eine klare Botschaft platziert, der Münchner Maxi Kastner fasste zusammen: „Die Liga hat gesagt, dass alles, was nach dem Pfiff passiert, geahndet wird.“ Er räumte ein: „Das letzte Spiel ist aus dem Ruder gelaufen.“ Die Lösung daher war: „Von der Strafbank wegbleiben.“
Die Herausforderung war der Umgang mit den Emotionen, die der bisherige Playoff-Verlauf ausgelöst hatte. Für die Ingolstädter ging es darum, sich zu sammeln nach dem schweren Foul an ihrem Mitspieler Edwin Tropmann am Dienstagabend. „Die Stunden danach waren tough, wir haben auf Updates aus dem Krankenhaus gewartet“, so Leon Hüttl. Am Tag danach „war fast jeder bei Eddie im Krankenhaus“, berichtete Johannes Krauß, „und als wir dann gesehen haben, dass es ihm relativ gut geht, fiel uns ein Stein vom Herzen, und die Spielvorbereitung konnte losgehen“. Auf der Bank hatten sie ein Tropmann-Trikot, im Mannschafts-Chat schickte der Verteidiger noch eine aufmunternde Nachricht. „Wir haben für Eddie gespielt, nur leider nicht für ihn gewonnen“, meint Leon Hüttl, „aber das tun wir am Samstag.“ Für Tropmann ist aufgrund seiner erlittenen Verletzungen die Saison vorbei, für das ERCI-Team geht es darum, das Ende abzuwenden und sich erst einmal ein siebtes Spiel zu holen.
Für die Münchner gibt es am Samstag dann keinen Heimvorteil wie vor dem Garden-Eventpublikum, der EHC wird vielmehr die Aversionen zu spüren bekommen, die ihn am Dienstag aus der Saturn Arena begleiteten. Das wird noch einmal eine Herausforderung, die Balance zu finden zwischen vollem Einsatz und Beherrschtheit. Nach wie vor gilt: „Es sind Playoffs, wir wollen dem Gegner unter die Haut gehen. Ohne Emotionen wäre es die falsche Sportart“, so Maxi Kastner. „Die Emotionen sind noch da“, gibt Trainer Oliver David zu. Er hatte Kritik abbekommen für seine Äußerungen im MagentaSport-Spontaninterview am Dienstag, nachdem das Spiel vor bestürzt schweigendem Publikum zu Ende gegangen war. „Es war ein Unfall“, lautete seine Bemerkung zum sehr offensichtlichen Foul seines Spielers Fabio Wagner, den die DEL anschließend für 14 Spiele sperrte. Nun sagt David: „Es war schwierig für mich, zu diesem Interview zu gehen und meine Gedanken zusammenzufassen. Ich weiß nicht, was ich gesagt habe und will es auch nicht wissen; ich werde es mir nicht anschauen.“
Er war spürbar froh, das kritische fünfte Spiel als Sieger überstanden zu haben (Tore: Hager, Ehliz, Oswald, Rieder, Smits, Ferguson). Die Ausfälle der gesperrten Wagner und McKenna fing er auf, indem er Maxi Daubner nach Brüchen im Gesicht, zugezogen vor ein paar Wochen, mit Vollvisier spielen ließ und den noch nicht fitten Gabriel Fontaine aufbot („für solide acht Minuten“). Leichtes Aufatmen beim Favoriten München, doch über der Serie liegt weiter die Ungewissheit: Eine unsaubere Aktion – geht es dann wieder los?GÜNTER KLEIN