SPORT-KOLUMNE

Wenn Fußball, dann Löwe

von Redaktion

Ich wohne in Giesing. Was kommt jedem fußballaffinen Münchner da gleich in den Sinn? Richtig. Da sind die 60er-Fans daheim. Ich muss gestehen: Ich bin kein Fußballanhänger. Aber wenn ich einer wäre, dann wäre ich ein Löwe. Ganz nach dem Motto: Echter Charakter zeigt sich in der Niederlage. Unverwüstlicher Rückhalt inmitten chaotischer Zustände. Leidensfähigkeit. Stehvermögen. Das beschreibt auch ein bisschen mein Leben als Mama mit zwei kleinen Kindern. Da liegen Sieg und Niederlage auch oft auch ganz nah beieinander.

Aufgeben ist keine Option. Das fühlt jede Mama – und, ich glaube, jeder Löwen-Fan.

Beide Welten begegneten sich letztes Jahr im Sommer auf skurrile Weise. Ich radelte mit meinen Kindern im Anhänger am frühen Abend gerade vom Tierpark nach Hause, als das Grünwalder Stadion nach einem Spiel Horden von Menschen ausspuckte. Im Slalom kämpfte ich mich durch die wabernden Massen, strampelte keuchend bergauf, umfuhr klingelnd Grüppchen und Nervensägen, die meinen Weg kreuzten, als es passierte: Hinter mir jaulte es plötzlich laut auf. Fast zeitgleich krähte mein Sohn aus dem Fahrradanhänger: „Mama, du bist einem dicken Mann über den Fuß gefahren!“

Ich habe bis heute ein schlechtes Gewissen, dass ich nicht angehalten habe. Aber die Gefahr, mit der schweren Fracht rückwärts den Berg runterzuschlittern und womöglich dabei noch mit einem 60er-Schal stranguliert zu werden, war mir einfach zu groß. Ich blickte mich nur kurz um, warf dem rotgesichtigen Blauen ein beherztes „Tut mir leid!“ zu – und strampelte weiter. In Zeitlupe ging’s bergauf. Ein Hamster im Laufrad auf dem Weg in die Freiheit.

Erst oben an der Silberhornstraße wagte ich anzuhalten. Keuchend blickte ich mich um. Vor und neben mir – glückselige Fans in Weiß-Blau. Fahnenschwenken. Fan-Gesänge. Sie hatten gewonnen! Das beruhigte mich etwas. Ich hoffte, dass der Sieg den Plattfuß wettgemacht hat. Ein derbes Foul war’s trotzdem.

Artikel 1 von 11