Die Ultras von St. Pauli und Bayern pflegen eine Fanfreundschaft. © Hirnschal/Imago
Bayern-Patron Hoeneß mit dem engen Retter-Shirt vor 23 Jahren. © Screen
München – Steht dieses Spiel an, darf die Retter-Geschichte nicht fehlen. Aber wer den zu Paulis Zweitliga-Zeit entstandenen Podcast „Don‘t call it a Kultclub“ gehört hat, kriegt von Uli Hoeneß noch ein paar Details serviert. „Ich hatte ziemlich zugenommen, aber ich habe es trotzdem über mein Hemd gestreift, was gar nicht einfach war“, sagt der heutige Ehrenpräsident des FC Bayern lachend über den Moment, in dem er vor knapp 23 Jahren am Millerntor das legendäre „Retter“-T-Shirt anziehen durfte. Den Weg zu seinem Platz legte er an diesem 12. Juli 2003 im neuen Outfit „in einer Woge der Euphorie“ zurück. Es hatte schließlich in der Beziehung des FC Bayern und dem FC St. Pauli schon ganz andere Kapitel gegeben.
Wenn die Bayern an diesem Samstag (18.30 Uhr) zum Topspiel im Millerntor-Stadion auflaufen, treffen der Kiezclub und der Branchenprimus auch München zum 20. Mal in der Bundesliga aufeinander. Und, so viel kann man verraten, für beide Seiten ist dieses Spiel keins wie jedes andere. Hier die übermächtigen Millionäre, die AG aus dem Süden; dort der bewusst andere Kultverein, der e.V. aus dem Norden – mehr Gegensatz geht kaum. Und trotzdem hat es einen Grund, dass nicht nur die aktive Fanszene, sondern auch die Clubobersten ein Faible füreinander haben. Hoeneß fasst es so zusammen: „Ich bin immer für Schwarz oder Weiß – nie für Grau. Das haben wir nie gewollt, das haben die nie gewollt. Deswegen machen wir beide den Leuten Spaß.“ Jeder auf seine Weise.
Wie unterschiedlich diese ist, hat man schon in den ersten Jahren dieses ungleichen Duells gesehen – und gespürt. Hoeneß erinnert sich bestens an schmerzhafte Erlebnisse am Millerntor, wo Kleingeld, Gemüse und Bierdosen neben der Trainerbank einschlugen. „Es war immer schwierig, da zu sitzen. Man musste vorsichtig sein, dass man nicht getroffen wird“, sagt der 74-Jährige. Und dass er den Rasen einst als Jung-Manager als „Rüben-Acker“ bezeichnet hatte, sollte ihm noch auf die Füße fallen. 0:0 endete das Hinspiel nach dem Pauli-Aufstieg 1988, vor dem Rückspiel im Olympiastadion gab es ein paar Rüben als Gastgeschenk. Frech also auch noch, dieser Verein ohne Titel, der Totenkopf-Fahnen mit ins Stadion nehmen wollte. Wobei ein Sieg gegen die Bayern für St. Pauli damals wie ein Titel war.
Eine besondere Anekdote aus dieser Zeit: tausend gedruckte Stadionmagazine mit der Titelzeile „Klassenkampf“, die der FC Bayern vor der Verbreitung in den Mülleimer wandern ließ. Kam nicht so gut an. Hoeneß bekam in Hamburg gleich einen halben Liter Bier drübergeleert, „den ich eigentlich lieber getrunken hätte“. Paulis größte Genugtuungen: ein 1:0 1991 in München und der Sieg 2002, Stichwort: „Weltpokalsiegerbesieger“. Das passende T-Shirt dazu, einst das meistgetragene in ganz Hamburg, ist heute im St. Pauli-Museum zu sehen.
Was dort auch zu sehen ist: die Werte, die der Verein verkörpert, lebt, nie verrät. Egal, was die anderen machen. Dass sie große Überschneidungen mit jenen der Münchner Fankultur haben, merkte man in schweren Zeiten, spätestens beim Retter-Spiel. Spruchbänder und Solidaritätsbekundungen gab und gibt es regelmäßig, heute hat die Gruppe Ultrà Sankt Pauli, kurz USP, eine Fanfreundschaft zur Schickeria. Hoeneß begrüßt das freilich, er sagt: „Ich bin immer für die Ultras! In St. Pauli steht man zu seinem Club, beim FC Bayern zu einem großen Teil auch.“ Warum sollte also nicht zusammenpassen, was eigentlich zusammenpasst?
Natürlich passt es auch, dass es an diesem Samstag um Punkte gegen den Abstieg und für die möglichst schnelle Meisterschaft geht. Für wen Hoeneß ist, ist logisch. Aber in allen anderen 32 Partien ertappt sich der Bayern-Macher schon dabei, „dass ich St. Pauli die Daumen drücke“.
HANNA RAIF