PARIS-ROUBAIX

Van Aert stürzt den Giganten

von Redaktion

Belgier siegt für toten Freund – Pogacar mit „Spaghettibeinen“

Defekt beim dreifachen Sieger Van der Poel. © Garnier/AFP

„Am Ende war ich einfach platt“: Pogacar in der rustikalen Dusche. © Tesson/EPA

„Das bedeutet mir alles, es war mein großes Ziel seit meinem ersten Start 2018“, sagt Wout van Aert. Im Hintergrund muss sich Tadej Pogacar geschlagen geben. © CHIBANE/Imago

Roubaix – Völlig verstaubt und fraglos frustriert schlug Tadej Pogacar seinen Kopf auf den Lenker, während Triumphator Wout van Aert unter Tränen auf dem heiligen Oval von Roubaix zusammensank: In der wohl dramatischsten Ausgabe des Ritts durch die Hölle des Nordens hat der slowenische Radsport-Superstar erneut den letzten noch fehlenden Sieg bei den fünf Radsport-Monumenten als Zweiter knapp verpasst. Van Aert löste derweil mit seinem emotionalsten Sieg ein altes Versprechen ein.

„Das bedeutet mir alles, es war mein großes Ziel seit meinem ersten Start 2018“, sagte der tief bewegte van Aert: „Damals ist bei dem Rennen mein Teamkollege Michael Goolaerts gestorben. Seitdem wollte ich hier meinen Finger in die Luft heben und den Sieg Michael widmen.“ Goolaerts war damals 100 km vor dem Ziel gestürzt und am Abend im Krankenhaus verstorben.

Diesmal blieb die spektakulär-brutale Hatz über das Kopfsteinpflaster Nordfrankreichs bei besten Bedingungen ohne schwere Stürze, war an Spannung aber kaum zu überbieten. Pogacar, der diesen Sieg so unbedingt wollte, unterlag nach 258 km Rüttelpartie schließlich im Zweiersprint.

„Ich hatte drei Plattfüße und drei Radwechsel. Am Ende war ich einfach selbst platt“, sagte der 27-Jährige nach einem Rennen mit einer Unzahl an Defekten bei allen Favoriten: „Es war unmöglich, Wout abzuhängen. Meine Beine haben sich wie Spaghetti angefühlt. Es war erst mein zweites Mal hier, ich muss dem einfach Zeit geben.“

Damit bleiben die Belgier Eddy Merckx, Roger De Vlaeminck und Rik Van Looy die einzigen Fahrer, die sämtliche Monumente gewonnen haben. Drei Wochen nach seinem Premierensieg bei Mailand-Sanremo und eine Woche nach seinem dritten Triumph bei der Flandern-Rundfahrt fehlte Pogacar nun ein Hauch.

Dritter wurde van Aerts Landsmann Jasper Stuyven. Titelverteidiger Mathieu van der Poel kam nach viel Pech auf Platz vier. Pogacars Helfer Nils Politt fuhr ein großes Rennen, der Kölner wurde schließlich Neunter.

Die ganze Dramatik eines erneut denkwürdigen Rennens entfaltete sich zur Rennmitte: Zunächst erleidet Pogacar 120 km vor dem Ziel im Kopfsteinsektor Materialschaden. Der eigene Servicewagen ist weit entfernt, kann auf dem engen Pavé nicht aufschließen. Pogacar eiert auf neutralem, unpassendem Rad hinterher, kassiert Rückstand. Van der Poels Alpecin-Team fährt an der Spitze Tempo, aber nicht konsequent genug, um den Slowenen nachhaltig abzuhängen.

Pogacar ist auf eigenem Rad pünktlich zur Einfahrt in den berüchtigten Wald von Arenberg 95 km vor dem Ziel zurück an der Spitze. Doch auf dem schnurgeraden Holperstück erwischt es van der Poel: Plattfuß, Radtausch, Probleme mit dem neuen Bike, nächster Tausch – und mehr als zwei Minuten Rückstand. „Da war das Rennen eigentlich für mich gelaufen“, sagt van der Poel, dennoch geht er mit Pogacar-Helfer Nils Politt als Bewacher am Hinterrad verzweifelt auf Aufholjagd.

Defekt nach Defekt

An der Spitze ist dann wieder Pogacar an der Defekt-Reihe, wechselt 72 km vor dem Ziel erneut das Rad und muss wie der ebenfalls gebeutelte van Aert wieder aufschließen. Kurz vor der 50-km-Marke ist van der Poel auf einmal bis auf 20 Sekunden dran. Pogacar merkt es, tritt mit van Aert an – und van der Poels Traum vom historischen vierten Sieg in Serie platzt. SID

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