Hat einen Titel zu verteidigen: Alexander Zverev. © Hoppe/dpa
München – Alexander Zverev saß etwas müde auf dem Podium. Kein Wunder, denn bei den drei Masters (Indian Wells, Miami, Monte Carlo) hatte der 28-Jährige zuletzt dreimal das Halbfinale erreicht. „In meinen Knochen steckt viel Tennis“, bekannte der Hamburger vor seinem zwölften Start bei den BMW Open. „Aber das ist etwas Positives, denn das bedeutet, dass ich gut gespielt habe.“
In der Tat reiste Zverev schon mit deutlich dürftigeren Ergebnissen nach München. Außerdem erfreulich für den Titelverteidiger: Jannik Sinner ist nicht im Turnier. Der Italiener, der nach seinem Finalsieg in Monte Carlo über Carlos Alcaraz wieder an der Spitze der Weltrangliste thront, war es, der Zverev in allen Halbfinals entzauberte. „In den vergangenen zwei Monaten habe ich nur gegen Sinner verloren“, sagte der Deutsche selbstbewusst. „Letztes Jahr habe ich gefühlt gegen jeden verloren.“
Seine aktuelle Konstanz und die wiedergefundene mentale Stärke hat er seinem neuen Spielstil zu verdanken. Zverev versucht, die Bälle früher zu nehmen, aggressiver zu spielen und den Weg ans Netz zu suchen. Mitunter streut er sogar Rückhandstoppbälle ein. In seinen besten Momenten kann Zverev so auch gegen Sinner mithalten. Fehlen ein paar Prozent, sieht er kein Land wie beim 1:6, 4:6 vor drei Tagen.
Die letzte Vor-Sinner-Niederlage kassierte Zverev Ende Februar in Acapulco gegen Miomir Kecmanović (Serbien) – seinem heutigen Erstrundengegner. Sorgen macht er sich deswegen nicht. „An dem Tag hätte ich gegen einige Spieler verloren.“
So wie bei seinem ersten Aufschlag 2014 beim MTTC Iphitos. Er könne sich nicht mehr an jedes Match erinnern. „Aber an das gegen Jürgen Melzer.“ Der 17-jährige Zverev macht nur drei Spiele. „Ich war unglaublich nervös und mental noch nicht bereit“, so Zverev. „Aber es war ein riesiger Lerneffekt.“ In einer ähnlichen Situation steckt DTB-Nachwuchshoffnung Justin Engel (18), der heute auf den Tschechen Vit Kopriva trifft.
Hinter dem gebürtigen Nürnberger herrscht viel Leere im deutschen Tennis. Eine Tatsache, die kürzlich auch Boris Becker bemängelte. Zverev sagte auf Nachfrage: „Ich weiß zwar nicht, was Boris gesagt hat, weil ich noch nie seinen Podcast gehört habe. Aber ich finde es schade, weil Deutschland immer ein reiches Tennisland war. Ich glaube, das System steht dem Sport im Weg. Das gilt nicht nur fürs Tennis.“
Becker und Zverev waren zuletzt nicht oft einer Meinung. Doch am Montagnachmittag fand sich noch eine zweite Gemeinsamkeit: Beide drücken morgen dem FC Bayern in der Champions League die Daumen. „Ich werde auf jeden Fall im Stadion sein, ganz gleich, ob es der Turnierplan zulässt“, sagte Zverev. Zur Not steckt auch am Donnerstag etwas Müdigkeit in seinen Knochen.MATHIAS MÜLLER