München weiß, wie es ist, im Scheinwerferlicht der ganzen Welt zu stehen – erprobt Jahr für Jahr in den beiden Wochen vor dem ersten Oktober-Wochenende auf der Theresienwiese. Aber so ein Festtag Mitte April ist doch etwas anderes. Die Wiesn legt eine kontinuierliche Euphoriewelle über die ganze Stadt, der Kracher zwischen dem FC Bayern und Real Madrid bündelt jegliche Art von Fußballbegeisterung auf einen einzigen Abend. Wo schaust Du? Mit wem? Wer gewinnt? Egal, wo man in den vergangenen zwei Wochen war: Gesprächsthema war das Duell überall. Man könnte meinen, es geht nicht um 90 oder 120 Minuten Sport auf allerhöchstem Niveau – sondern um mehr, viel mehr.
Es ist nur ein Fußballspiel, auf der Welt gibt es derzeit Wichtigeres. Aber bleibt man in diesem kleinen Kosmos, kann man zumindest sagen: Für das eine Team gilt dieser Eindruck mehr als für das andere. Wenn ein Club wie Real Madrid nach einer verkorksten Saison nur noch eine einzige realistische Titelchance hat, ist Druck da. Das werden auch diejenigen Bayern-Spieler bestätigen, die schon vor Vincent Kompany im Kader standen. Unruhige Zeiten und eine Identitätskrise gab es auch an der Säbener Straße. Doch während unter Julian Nagelsmann und Thomas Tuchel Viertelfinals in der Champions League vor allem dafür gut waren, das kritische Umfeld positiv zu überraschen, kann man im zweiten Kompany-Amtsjahr entspannter an die Sache rangehen. So oder so: Der FC Bayern ist wieder wer in Europa! Und diese Erkenntnis ist schon vor dem Anpfiff der größte Gewinn.
Der Mittwoch wird zur Bruchlandung oder zum Rausch. In beiden Fällen aber werden europaweit Neider in Richtung München blicken. In Manchester zum Beispiel, wo das einst so große United letztmals 2019 im Viertelfinale stand. Und auch in Turin, wo Juve zum zweiten Mal hintereinander in den Playoffs die Segel streichen musste. Die Angst vor einem ähnlichen Schicksal ging auch mal in München um – man ist ihr mit Kreativität, Willensstärke und Kompany begegnet. Auf der Wiesn würde man sagen: Ein Hoch auf uns!