Schrei der Erlösung: Münchens Kapitän Patrick Hager beim ersten Sieg der Halbfinalserie. © Red Bull/City-Press
München – Der Sattel seines Fahrrads war ein Stück zu tief eingestellt. Bemerkenswert auch: Es war ein Damenrad, das Tobias Rieder, Stürmer beim Eishockeyclub EHC Red Bull München, am Dienstag vor dem SAP Garden abgestellt hatte und auf das er nach dem 5:1-Sieg gegen die Adler Mannheim stieg. „Das kann jeder bei mir in der Familie nutzen“, sagte er und pedalierte gelöster Stimmung in die Nacht. Die Saison 2025/26, sie hätte vorbei sein können mit dem Spiel, das gerade hinter Rieder lag, doch nun geht sie erst mal weiter. In der Best-of-Seven-Halbfinalserie verkürzten die Münchner auf 1:3, nun haben sie am Freitag (19 Uhr) in Mannheim noch ein Spiel, müssen aber auch das gewinnen, damit es auch am Sonntag einen weiteren Termin in München gibt – zu dem Rieder dann wieder mit dem Familie-Rieder-Rad kommen könnte.
Hat der EHC sich eine Galgenfrist erspielt – oder eine reelle Chance, die Serie noch zu drehen? In den DEL-Playoffs ist es noch nie passiert, dass eine Mannschaft, die 0:3 zurücklag, noch in die nächste Runde kam oder Meister wurde. Kapitän Patrick Hager glaubt, man könne sich im Fall München-Mannheim schon gegen die Geschichte stellen, „weil die Serie bis zum 0:3 keine war, in der wir hoffnungslos unterlegen gewesen wären“. Die Ergebnisse aus EHC-Sicht lauteten zweimal 2:3 nach Verlängerung und 1:4 (mit zwei Empty-Net-Gegentreffern). Er findet, „die Serie könnte jetzt 2:2 stehen“.
Doch den Blick auf das große Bild vermeiden alle. „Mir würde der Kopf explodieren“, müsste er an mehr denken als das nächste Spiel, sagt Trainer Oliver David. Patrick Hager plädiert dafür, die Sache extrem kleinteilig anzugehen. „Du konzentrierst dich auf deinen Shift, und egal, wie der war, konzentrierst du dich auf den nächsten. So hast du die Chance, dein Hirn im Griff zu haben, damit du nicht wegdriftest.“ Diese Herangehensweise „wird sich für uns auch nicht mehr ändern“. Im nächsten und, falls es ein übernächstes Spiel gäbe, geht es darum, das Ende abzuwenden.
Was München gut machte am Dienstag: „Wir hatten mehr Zeit in der offensiven Zone und haben im Powerplay getroffen“, so Oliver David. „Wir haben endlich mal eine Führung über die Runden gebracht“, sagte Patrick Hager. Allerdings verhalf ein glücklicher Umstand dem EHC überhaupt erst dazu, in keiner Phase in Rückstand zu geraten. In der 17. Minute fiel ein Tor gegen ihn, durch Justin Schütz, das das 1:2 gewesen wäre. Die Schiedsrichter Jackson Kozari und Marian Rohatsch entschieden spontan, es nicht anzuerkennen und blieben nach Sichtung des Videomaterials dabei. Eine Fehlentscheidung, denn man sah, dass keine Behinderung des Münchner Torwarts Bibeau durch den auf ihn stürzenden Mannheimer Gilmour vorlag, sondern umgekehrt ein Foul des Keepers (Beinstellen). Der Treffer hätte zählen müssen. Oliver David räumte ein: „Es wäre ein schwierigeres Spiel geworden.“
„Bisher hatten wir Tore und Paraden zur rechten Zeit, diesmal hat das Glück uns verlassen“, sagte Adler-Trainer Dallas Eakins. „Egal ob in der Hauptrunde oder den Playoffs: Es ist extrem schwer, vier Spiele in Folge gegen denselben Gegner zu gewinnen.“ Aber: Mannheim fehlt weiterhin nur ein Sieg. Und es spielt zuhause. Wobei: „Im ersten und zweiten Spiel macht das noch einen Unterschied. Je länger die Serie, desto unwichtiger ist es aber, auf wessen Eis du stehst“, sagt Patrick Hager. Heimvorteil äußere sich nur, „dass du vom Schiedsrichter vielleicht einen Call mehr bekommst, wenn es wilder wird und alles schreit“. Und Heimvorteil ist, dass man mit dem Rad kommen kann. Rieder am Sonntag in München – vielleicht.GÜNTER KLEIN