60 Jahre, 1000 Geschichten

von Redaktion

Runder Geburtstag: Manni Schwabl über sein erstes Tor, Kaiser Franz und Wünsche

Attacke: Schwabl wurde bei den Löwen Kapitän – und gab im Derby Vollgas. © Imago

Rückhalt: Schwabl mit Frau Marianne. © Privat

Eine Runde Karten im Gasthof. © Achim Frank Schmidt

Moment der Ruhe: Schwabl in der Gartenlaube. © Schmidt

In Holzkirchen schoss Schwabl als kleiner Bub sein erstes Tor. © Achim Frank Schmidt

Die Zeitreise beginnt auf Rasen. Auf dem Platz des TuS Holzkirchen hat Manni Schwabl als kleiner Bub mit elf Jahren ein Tor gegen den FC Bayern geschossen. „Ausgetrickst und neigeschoben halt“, sagt Schwabl mit einem Grinsen. Es folgten 303 Bundesliga-Spiele, Stationen bei den Bayern, beim 1. FC Nürnberg und 1860 München, vier Länderspiele. Vor seinem 60. Geburtstag haben wir den Präsidenten der SpVgg Unterhaching zum Interview getroffen. An besonderen Orten.

Manni Schwabl, welche Erinnerungen verbinden Sie mit diesem Platz?

Da kommen viele Erinnerungen sofort in den Kopf geschossen. 1974 nach der Weltmeisterschaft waren wir alle vom Fußball elektrisiert. Der Fußball hat mich komplett gefangen genommen. Wir haben im Garten gespielt, auf dem Schulplatz, auf dem Fußballplatz. Es ging immer nur um den Ball, es gab nichts anderes. Deshalb ist es für mich oft schwierig, mich in die heutige Generation hineinzuversetzen. Ist da noch dieselbe Leidenschaft hinter dem Wunsch, Fußballprofi zu werden? Bei uns gab es damals ja gar nicht die Möglichkeit, durch ein Handy oder soziale Medien abgelenkt zu werden. Wir haben neben dem Fußball höchstens mal Tischtennis gespielt oder sind auf Bäume geklettert.

Es gab ein Fußballspiel in Ihrer Jugend, das vieles verändert hat. Mit der D-Jugend haben Sie gegen den FC Bayern gespielt.

Ich bin während der Fronleichnamsprozession im hochkatholischen Holzkirchen ausgebüxt. Meine Mama hat meine Laune gesehen und mir ein Zeichen gegeben. Drei Stunden vor dem Spiel war ich schon auf dem Fußballplatz und habe mich vorbereitet. Während des Spiels hat der Bayern-Trainer dann ausgerechnet meinen Papa gefragt, wer denn der Kleine auf dem Feld ist …

Im Garten des Elternhauses hat Schwabl früher Stunden mit dem Ball verbracht. Auch heute steht dort noch ein Tor. Es gibt eine Gartenlaube, mehrere, gesellige Sitzmöglichkeiten. Die Eltern leiteten früher ein kleines Fuhrunternehmen. „Hier kann selbst ich mal zur Ruhe kommen“, sagt Schwabl.

Nach dem Spiel sind Sie zu den Bayern gewechselt.

Meine Mama hatte wahrscheinlich schon eine Vorahnung und hat mir in den Kinderwagen einen kleinen Ball reingelegt. Ich habe dann als kleiner Bub bereits in Bayern-Bettwäsche geschlafen und bin auch schon alleine an den Tegernsee gefahren, weil ich wusste, dass der FC Bayern dort sein Trainingslager macht. Ich habe mir dann Autogramme geholt, vor allem von Franz Beckenbauer, der sehr nett war. Später wurde ich dann unter ihm Nationalspieler. Er war für uns alle eine absolute Lichtgestalt.

Der Junge aus Holzkirchen in der illustren Welt des FC Bayern. Haben Sie sich schnell zurechtgefunden?

Wir waren mit der Mannschaft einmal beim Käfer und es gab Scampi. Ich wusste überhaupt nicht, wie man die verarbeiten soll, die habe ich zum ersten Mal in meinem Leben gesehen – meiner Frau Marianne, die auf einem Bauernhof aufgewachsen ist, ging es übrigens genauso. Man probiert es dann mal ein bisschen und schaut sich um – komplett blamieren wollte ich mich ja auch nicht (lacht). Bei meinem ersten Trainingslager mit den Profis dachte ich mir zusammen mit Wiggerl Kögl bei jedem gemeinsamen Essen: Bloß keinen Fehler machen! Hoffentlich fällt dir jetzt keine Gabel runter … Man hatte solch einen Respekt vor Spielern wie Klaus Augenthaler, Dieter Hoeneß oder Sören Lerby gehabt. Kurze Zeit später saß ich aber schon bei den Etablierten am Kartentisch und habe anfangs auch viel Lehrgeld bezahlt, jedoch hat sich das Blatt relativ schnell gewendet (grinst).

Im Gasthof Alte Post in Holzkirchen hat Schwabl seine Frau geheiratet. Und legendäre Kartenrunden abgehalten. Auch während seiner Zeit bei Nürnberg fuhr er weiter regelmäßig in die Alte Post. Der Wirt gab der Runde den Schlüssel, wenn es mal länger wurde. An diesem Tag sitzen ein paar Stammgäste im Gasthof. Eine Runde Karten? „Der Manni kanns ja ned“, lacht Sepp. Schwabl gibt allen die Hand, hier war er nie der Fußballprofi, nie der Nationalspieler, immer Manni.

Ihr erstes Länderspiel haben Sie dann während Ihrer Zeit beim 1. FC Nürnberg absolviert, mit Nationaltrainer Franz Beckenbauer.

Der Franz stand auf meine Spielweise. Bei meinem ersten Länderspiel habe ich gleich eine Gelbe Karte bekommen. Da meinte er: Da ist das Stadion wenigstens wieder aufgewacht. Ich wäre beinahe bei der EM 1988 dabei gewesen. Einige Monate zuvor hatte ich aber einen Bänderriss. Da hat der Guido Buchwald mich mit seiner Schuhgröße 55 kurz mal rasiert (lacht). Aus diesem Kader ist dann der Stamm für die Weltmeisterschaft 1990 entstanden.

Was sind Ihre ersten Erinnerungen, wenn Sie an die Zeit bei den Löwen denken?

Die Spannung vor dem ersten Training und dem ersten Spiel. Ich habe immer wieder betont, dass ich als Kind in Bayern-Bettwäsche geschlafen habe und dann geht es zum Rivalen. Mein erstes Spiel war gegen Leverkusen im Pokal. Da haben alle gemerkt, dass ich 110 Prozent gebe und ich bin dann relativ schnell Kapitän geworden. Spieler wie Thomas Miller oder ich waren damals wie heute sehr volksnah und haben uns bei einem Sieg oder einer Niederlage mit den Fans zusammengesetzt. Ich habe damals übrigens auch die Christl (Estermann, Anm. d. Red.) von einer anderen Kneipe ins Löwenstüberl geholt. Später habe ich dann die berühmten Schinkennudeln nach Haching vermittelt, das war die Provision (lacht). Leider kam dann irgendwann die legendäre Saisonabschlussfeier, die gleichzeitig zur persönlichen Abschiedsfeier vom Kapitän wurde …

Nach der sogenannten Feten-Affäre war Ihre Zeit bei 1860 vorbei.

Ich werde oft gefragt, ob ich es wieder so machen würde. Ich habe damals als Kapitän die Entscheidung der Mannschaft und natürlich auch meine eigene dem damaligen Präsidenten mitgeteilt. Drei Tage vorher ist Herrn Wildmoser dann auf einmal eingefallen, dass der Verein jetzt doch eine Feier zur gleichen Zeit veranstalten will. Da hatten wir aber schon seit Wochen ein ganzes Lokal reserviert… inklusive Musikband, Blumen für die Frauen, das volle Programm halt für eine eingeschworene Truppe. Das konnten und wollten wir natürlich nicht mehr platzen lassen, und ich war dann halt das Bauernopfer. Ich hatte ein paar Wochen davor einen neuen Vertrag unterschrieben und es gab auch schon Gespräche, dass ich nach meiner aktiven Karriere einen Posten im Verein übernehme. 1860 war zu diesem Zeitpunkt meine Welt, sonst wäre ich da nicht so aufgegangen. Die Abschlussfeier hat dann leider alles gesprengt.

Wie war das nach der aktiven Karriere – brauchten Sie Abstand vom Fußball?

Ich wollte mit der Leder nichts mehr zu tun haben. Das Aus bei 1860, das ruhmreiche Abenteuer in Italien, wo ich mich von Anfang an nie wohlgefühlt habe. Einen bayerischen Baum kann man halt nicht verpflanzen. Markus ist mit elf Jahren dann nach Haching gewechselt. Es hat aber neun Jahre gedauert, bis ich dort Nachwuchsleiter und zwei Jahre später dann Präsident wurde. Das hat den Fußball wieder richtig in mein Leben zurückgebracht.

Können Sie Erfolge wie Aufstiege oder erfolgreiche Verkäufe überhaupt genießen, oder überwiegen die ständigen wirtschaftlichen Herausforderungen?

Meine Frau sagt immer: Du freust dich nie über den Erfolg. Du grübelst immer nur über die Dinge, die nicht so laufen. Das ist bei mir einfach so. Das Genießen fällt mir schwer. Es steht eigentlich immer im Vordergrund: Wie löse ich das nächste Problem? Das ist ein ständiger Kreislauf. Man steht wirtschaftlich jeden Tag unter Druck.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft von Haching?

Wirtschaftlich stabil mit über 80 Prozent aus dem eigenen Nachwuchsbereich in der 3. Liga oder in der Regionalliga zu spielen. Und weiter natürlich den Fokus auf soziale Themen zusammen mit „Haching schaut hin“ zu legen. Mit Lichtblick Seniorenhilfe e.V. unterstützen wir 50 Rentner aus dem Hachinger Tal mit monatlichen Zuwendungen. Einmal im Monat laden wir diese Personen zum Mittagessen im Hachinger Wirtshaus ein. Vor zwei Tagen haben mir die Senioren schon ein Ständchen gesungen und eine Geburtstagestorte überreicht, da ging mir das Herz auf. Mittendrin war mein ehemaliger Trainer vor 45 Jahren in der B-Jugend beim FC Bayern – der Beppi Hirmer. Er hat mich damals ein Stück weitergebracht und jetzt können wir ihn unterstützen und ihm im Leben wieder was zurückzugeben. Da schließt sich ein riesiger Kreis.

INTERVIEW: NICO-MARIUS SCHMITZ

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