Der überraschte Überraschungs-Kandidat

von Redaktion

Zur WM 2006 in Deutschland gibt es noch neue Geschichten – Ronald Reng erzählt sie

Ronald Reng: Der deutsche Sommer. Piper, 416 Seiten, 25 Euro.

München – Was für wunderbare Sätze: „So wichtig waren Trainer nicht. Julian Nagelsmann sprang noch einmal in den Ammersee.“

Ja, es ist der Julian Nagelsmann. Aber der von vor zwanzig Jahren. Ein junger Fußballer vom TSV 1860 München, der Trainingspläne für die spielfreie Zeit mitbekommen hatte, aber dann auch in diesen grandiosen Sommer eintauchte: Weltmeisterschaft in Deutschland. In „Der deutsche Sommer – Als 2006 plötzlich die Leichtigkeit einzog“ beleuchtet Ronald Reng diese Wochen noch einmal. Im Podcast „Rasenfunk Tribünengespräch“ sagte er neulich, es sei ihm vor allem darum gegangen, der gesellschaftlichen Stimmung von damals nachzuspüren. Es sei „nur beiläufig ein Fußballbuch“.

Dem muss allerdings widersprochen werden: Es ist ein vollwertiges und herausragendes Fußballbuch, wie Ronald Reng schon einige geschrieben hat – über Robert Enke, Miroslav Klose, den Trainer Heinz Höher, den Scout Lars Mrosko, über NLZ-Talente oder zuletzt das Spiel Bundesrepublik – DDR bei der WM 1974. Wer nun glaubt, zu 2006 wisse man doch alles, der irrt. Klar, die Geschichte von Jens Lehmann und dem Zettel beim Elfmeterschießen gegen Argentinien ist bestens dokumentiert – doch in anderen Kapiteln der WM schafft Reng neue Perspektiven. Er lässt den heutigen Bundestrainer Nagelsmann erzählen, er schreibt, wie Thomas Hitzlsperger als (bis auf die letzten Minuten des Spiels um Platz drei) aussichtsloser Reservist das Turnier erlebte. Und er entlockt Jürgen Klinsmann (fast vergessen: Bevor er Bundestrainer wurde, arbeitete er als Unternehmensberater), wie der Plan mit der Nominierung von David Odonkor Gestalt annahm: Es gab nicht einmal eine Vorwarnung in Richtung des Spielers – selbst der Überraschungs-Kandidat sollte überrascht und dadurch befeuert werden. Vor der WM 2006 wurde im deutschen Fußball eben vieles neu gedacht. Die Fitnesstrainer der Nationalmannschaft kamen aus Amerika, der Hockeytrainer Bernhard Peters breitete seine Ideen aus – traditionelle Fußballkreise empörten sich.

Reng hat mit vielen gesprochen, die 2006 ihre speziellen Rollen spielten. Sönke Wortmann, der mit der Kamera dabei war, den Sportfreunden Stiller, deren Schlagzeuger Flo Weber mit Nationalspieler Philipp Lahm über regelmäßige Kartenspielabende bekannt war, und die vom kommerziellen Erfolg ihres Fußballlieds („54 – 74 – 90 – 2006“) überrascht wurden. Und mit Thomas Reiter, dem Astronauten, der die letzten Spiele der WM von seiner Mission im All aus verfolgte und fünf Monate nach dem Turnier auf die Erde zurückkehrte. Und in ein verändertes Deutschland?

Nicht sprechen wollte Jürgen Klopp, der als junger (meist unrasierter) Experte im Fernsehen (ZDF) ebenfalls ein Gesicht des Sommers 2006 war. Im Nachhinein haderte Klopp mit seiner Rolle, er sei danach mehr wegen seiner TV-Präsenz und weniger aufgrund seiner fachlichen Vorleistungen beim FSV Mainz als Trainer interessant geworden. Daher redet er nicht mehr über 2006. Bevor wir ihn in ein paar Wochen wiedersehen werden – als Experten (Magenta TV).GÜNTER KLEIN

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