Das große Zittern

von Redaktion

Es drohen historische Abstiege: Tottenham, Sevilla & Nizza kämpfen ums Überleben

Ob De Zerbi Tottenham noch retten kann? © Stansall/AFP

Drei Traditionsclubs, dreimal das gleiche Szenario: Tottenham, Sevilla und Nantes spielen plötzlich gegen den Abstieg. © KI

München – Fußball-Giganten am Abgrund! Was sich derzeit in England, Spanien und Frankreich abspielt, wirkt für zehntausende Fans wie ein böser Albtraum. Die Tottenham Hotspur, der FC Sevilla und OGC Nizza stehen plötzlich vor einem Absturz, der noch vor nicht ganz so langer Zeit undenkbar schien.

Tottenham Hotspur

Das Clubmotto liest sich dieser Tage wie blanker Hohn: „To dare is to do“, lautet der Leitspruch von Tottenham Hotspur, abgeleitet aus dem Lateinischen „Audere est facere“. Frei übersetzt: Wagen ist tun. Nur: Etwas wagen tun sie in Tottenham schon lange nicht mehr. Und mit dem „Tun“ ist es auf dem Platz ebenfalls nicht weit her…

Den Spurs, in der englischen Premier League aktuell Drittletzter, droht der erste Abstieg seit 1977 – also seit fast 50 Jahren. Kaum zu glauben: Noch vor einem Jahr stemmten die Nord-Londoner die Europa-League-Trophäe in die Höhe. Mit einem Wert von über 800 Millionen Euro stellt der Ex-Verein von Bayern-Star Harry Kane den sechstteuersten Kader der Premier League. Jetzt zittert dieser Club, der seit 2019 in einer neu errichteten, hypermodernen Arena spielt, ums Überleben.

Als amtierender Europa-League-Sieger im Folgejahr in die zweite Liga abzustürzen – da werden Erinnerungen an den 1. FC Nürnberg wach, der einst das Kunststück schaffte, als Deutscher Meister abzusteigen. „Der Club is a Depp“, heißt es über die Franken. Und bald auch über Tottenham?

Roberto De Zerbi soll genau das verhindern. Der Italiener ist nach Thomas Frank und Igor Tudor bereits der dritte Trainer in dieser Chaos-Saison. Doch auch er konnte den freien Fall der Spurs bisher nicht stoppen. Der 0:1-Pleite bei seinem Debüt beim FC Sunderland folgte am vergangenen Wochenende ein dramatisches 2:2-Remis gegen Brighton. Pedro Porro (39.) und der Ex-Leipziger Xavi Simons (77.) brachten die Spurs zweimal in Führung. Die von Fabian Hürzeler trainierten Gäste kamen durch Kaoru Mitoma (45.+3) nach Flanke von Nationalspieler Pascal Groß sowie Georginio Rutter (90.+5) aber jeweils zurück.

Seit mittlerweile über 100 Tagen wartet das Team in der Premier League nun schon auf einen Sieg. „Ich kann nicht glauben, wie schlecht diese Mannschaft geworden ist“, schimpft Ex-Manchester-United-Star Gary Neville.

Der Rückstand auf das rettende Ufer beträgt zwar nur zwei Zähler. Doch das Restprogramm hat es in sich: Gegner sind unter anderem noch die Champions-League- und Europa-League-Anwärter Aston Villa (4.), FC Chelsea (6.) und der FC Everton (8.).

Aus dem Tabellenkeller geht es nur noch gegen das abgeschlagene Schlusslicht Wolverhampton Wanderers sowie Leeds United. Das Duell beim Tabellenfünfzehnten am 11. Mai könnte zum ultimativen Endspiel werden.

FC Sevilla

In Andalusien taumelt der Rekord-Europa-League-Sieger FC Sevilla (sieben Titel) dem Abgrund entgegen. Während über Real Betis die Sonne scheint, drohen beim so verhassten Stadtrivalen die Lichter auszugehen. Tabellenplatz 16, nur zwei Punkte Vorsprung auf den ersten Abstiegsrang – ein Crash historischen Ausmaßes liegt in der Luft: Es wäre der erste Abstieg seit 26 Jahren.

Die Fans sind längst auf den Barrikaden. Nach dem 0:1 Anfang April beim Schlusslicht Real Oviedo ließen die Anhänger ihrem Frust freien Lauf. Die Fans, die von Polizisten eingekesselt wurden, um Ausschreitungen zu verhindern, beschimpften ihre Spieler heftig, es gab sogar Morddrohungen. Bereits im vergangenen Jahr war es in Sevilla zu einem ähnlichen Zwischenfall gekommen. Wütende Anhänger hatten dabei versucht, das Trainingszentrum zu stürmen. Das Restprogramm ist ein Albtraum. Heute geht es gegen den direkten Abstiegskonkurrenten Levante (19.), danach folgen u. a. noch Duelle mit Real Sociedad (7.), Villareal (3.), Real Madrid (2.) und Celta Vigo (6.). Statt in Europa für Glanzlichter zu sorgen, drohen bald Reisen in die Niederungen des spanischen Fußballs…

OSC Nizza

In Frankreich entlud sich der Frust über die chronische Erfolglosigkeit des eigenen Lieblingsclubs sogar in einem Ausbruch der Gewalt. In der Ligue 1 stolpert der OGC Nizza dem ersten Abstieg in die zweite Liga seit der Saison 1996/1997 entgegen. Zu viel für die Fans! Nach einer 1:3-Pleite Anfang Dezember beim FC Lorient hatten rund 400 Anhänger bei der Rückkehr ans Trainingszentrum auf den Mannschaftsbus gewartet. Als die Vordertür des Busses geöffnet wurde, sollen einige Anführer einer Ultra-Gruppierung das Fahrzeug gestürmt haben. Anschließend soll es auch zu Tritten und Schlägen gekommen sein – vor allem gegen die Stars Terem Moffi und Jeremie Boga.

„Man riss ihm die Mütze vom Kopf, zog ihn an den Haaren und versetzte ihm dann etwa zehn Schläge, einige davon in den Unterleib“, beschrieb ein Zeuge gegenüber „L’Équipe“ die erschütternden Szenen. Beide Spieler verließen deshalb im Winter den Verein. Vier Punkte Vorsprung hat der Club von Ex-Bayern-Star Dante (42) noch auf die Abstiegszone. Allerdings sind die Adler u. a. noch gegen die Topteams Lille (3.), Marseille (4.) und Lens (2.) gefordert.JOHANNES OHR

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