Viel beachtet: Die bei Ariston veröffentlichte Biographie.
Im Namen der Freiheit: Kanter in Den Haag. © Imago
„Für eine bessere Welt“: Kanter Freedom bei seinem Jugendcamp in Moers. © Voskresenskyi/Imago
Das Ende einer Karriere: Für die Botschaften auf seinen Schuhen warf die NBA Kanter raus.
München – Er war ein Superstar der NBA – heute ist Enes Kanter Freedom einer der prominentesten Menschenrechts-Aktivisten des Sports. Im Interview spricht der 33-Jährige darüber, was ihn antreibt.
Herr Freedom, vor rund drei Monaten brachten Sie Ihr Buch auf den Markt, in dem Sie über ihre Überzeugungen sprechen. Wie fielen die Rückmeldungen aus?
Enes Freedom: Absolut großartig. Ich habe zum Beispiel hier in Deutschland viele Signierstunden gegeben. Viele meiner türkischen Freunde sind mit ihren deutschen Freunden gekommen und haben sich bedankt, dass ich ihnen Mut und Inspiration gegeben habe.
In der griechischen Ausgabe schrieb ein Erzbischof das Vorwort. Wie kam es dazu?
Ich habe mich vor Jahren mit ihm angefreundet. Beim letzten Besuch habe ich ihn einfach gefragt und er hat es gemacht. Die Menschen um ihn herum waren überrascht. Ich finde, das ist ein tolles Zeichen der Freundschaft – ganz anders als die politischen Spannungen, die es zwischen den Ländern immer wieder gibt.
Wenn sie sich eine Person in Deutschland herauspicken könnten… ?
Freunde von mir bauen in Berlin das „House of One“. Ein Friedensprojekt, in dem es einen christlichen Bereich gibt, einen muslimischen und einen jüdischen – dazu einen Raum der Begegnung. Ich könnte mir gut vorstellen, dass die Leute von dort etwas für mein nächstes Buch schreiben.
Sie betonen oft, unpolitisch zu sein. Aber kann man Sport und Politik heute überhaupt noch trennen? Bei Olympia in Mailand gab es den Fall des ukrainischen Skeleton-Piloten, der wegen der Bilder toter Ukrainer auf seinem Helm disqualifiziert wurde…
Ich finde das absolut inakzeptabel. Jeder Athlet sollte die Chance haben, auf Dinge aufmerksam zu machen. Im Endeffekt war das für mich nicht „politisch“. Er hat an Freunde, Trainer und Familienmitglieder erinnert, während er gleichzeitig Aufmerksamkeit auf die schrecklichen Folgen dieses Krieges lenkte. Aber solche Botschaften sind oft nicht gewollt. Man will kein „Drama“ im Sport, weil es am Ende um Geld geht.
Sie selbst kritisierten die Freestylerin Eileen Gu.
Ja. Sie wurde in Amerika geboren, lebt dort und wurde durch das amerikanische System großgemacht. Aber sie entschied sich, für China zu starten. Das kann ich nicht verstehen – wie kann man für die größte Diktatur der Welt antreten? Nur wegen des Geldes. Sie hat allein durch Werbeverträge 23 Millionen Dollar verdient. Dafür trittst du für ein Land an, das Völkermord begeht.
Sie ist 22 – kann man da eine gefestigte Weltsicht erwarten?
Warum nicht? Es gibt andere Beispiele, wie Eiskunstläuferin Alysa Liu. Ihr Vater war einer der Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens und flüchtete in die USA. Als sie erfolgreich wurde, wollte China sie zurückholen, aber sie hat Nein gesagt. Sie sagte: „Ich werde nicht für ein Land laufen, das meinen Vater verfolgt hat.“
Aber solche Beispiele sind rar. Sport ist Business – auch dank Konzernen wie Nike.
Nike sind Heuchler. Sie zahlen Millionen an Athleten, um Missstände in den USA anzuprangern, aber gleichzeitig betreiben sie in China Sklavenarbeit. Leider beugen sich momentan viele – Athleten, Organisationen wie die NBA oder das IOC – dem Geld und damit China. Genau deshalb brauchen wir Sportler, die für ihre Werte einstehen und junge Menschen inspirieren.
Die NBA plant nun die Expansion nach Europa, möglicherweise auch nach Istanbul – ins Reich Ihres Gegners Erdogan. Macht Ihnen das Sorgen?
Eigentlich nicht. Viele Basketballer träumen von der NBA. Wenn die Liga nach Europa kommt, schafft das Jobs, was gut ist. Aber ich hoffe, dass die Liga Grenzen ziehen kann. Man sollte nicht mit Diktatoren wie Erdogan zusammenarbeiten.
Ist dieses System aufzubrechen?
Ich denke schon. Im Kleinen sehe ich das bei meinen Basketballcamps. Viele Jugendliche erleben eine ständige Gehirnwäsche durch TikTok. Aber wenn wir uns zusammensetzen – Muslime, Christen, Juden – dann sieht man, wie sie beginnen, sich zu verstehen. Sie begreifen: Genauso, wie wir auf dem Platz als Team funktionieren, können wir auch als Team die Welt verbessern. Man kann den Kids Social Media nicht wegnehmen. Aber man kann sie lehren: „Glaubt nicht blind alles, was ihr dort seht.“
Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie durch die Gülen-Bewegung geprägt wurden. Hilft Ihnen dieses weltweite Netzwerk bei Ihrer heutigen Arbeit?
Ja, ich habe dort eine sehr gute Erziehung genossen. Ich war in einer Gülen-Schule in der Türkei, und als ich nach Amerika ging, traf ich Fethullah Gülen zum ersten Mal. Er hat mich inspiriert, das Buch zu schreiben und die Camps zu organisieren. Die Bewegung hat Schulen in über 170 Ländern, auch in Deutschland. Ich habe fast jede davon besucht. Dort wird interreligiöser Dialog gelebt. Ich glaube fest daran, dass die junge Generation, die dort mit Offenheit und Empathie aufwächst, die Geschichte verändern wird.
Zum Abschluss: Wenn Sie in drei oder fünf Jahren ein weiteres Buch schreiben – wie würde der Titel lauten?
(überlegt kurz) „Zero Regret“ – Null Reue.
Warum?
Weil ich Gottes Arbeit tue. Ich weiß, dass Gott hinter mir steht. Ich habe durch meinen Einsatz zwischen 40 und 50 Millionen Dollar und meine NBA-Karriere verloren. Ich habe meine Familie seit elf Jahren nicht gesehen. Aber ich stehe für unschuldige Menschen ein. Deshalb habe ich null Reue.
INTERVIEW: PATRICK REICHELT