Blick fürs Detail: Thorsten Havener. © Thorsten Wulff
Demonstrative Geschlossenheit: Eine Sache, die die Bayern auch in Mainz ausstrahlten. © Kudryavtsev/AFP
München – Er ist einer der großen Experten für Körpersprache und innere Stärke. Zu sehen auch in Thorsten Haveners Bühnenprogrammen wie „Alles Kopfsache“ (14./15.9. im Lustspielhaus oder in seinen Tagesseminaren (10.10. in München. Mit unserer Zeitung sprach der 53-Jährige über die Körpersprache der Fußballer des FC Bayern.
Herr Havener, warum ist der Sport ein Paradies für einen Körpersprache-Experten?
Weil sich im Sport alles verdichtet. Sie haben dort extreme Drucksituationen, klare Ergebnisse und sehr wenig Zeit. Und genau dann sieht man, wie jemand wirklich denkt. Körpersprache ist unter diesen Umständen ein Ausdruck dessen, was im Kopf passiert. Gerade in Extremsituationen wie vor einem Elfmeter wird das sichtbar.
Kann man Körpersprache trainieren?
Das funktioniert nur begrenzt. Ich bin kein Freund davon, zu sagen: „Mach die Geste, dann wirkst du souverän.“ Die Körpersprache folgt den Gedanken – nicht umgekehrt. Wenn jemand überzeugt ist, dann zeigt er das automatisch. Wenn jemand zweifelt, sieht man das auch.
Der FC Bayern hat diese Überzeugung ja regelrecht zur Philosophie gemacht – das berühmte „Mia san mia“.
Das ist etwas Besonderes. Der Verein hat eine Kultur entwickelt, ein Selbstverständnis. Wenn Spieler über Jahre erleben, dass sie erfolgreich sind, entsteht daraus Überzeugung. Und wenn diese Überzeugung immer wieder bestätigt wird, verstärkt sie sich. Das ist wie ein kollektives Selbstvertrauen.
Woran erkennt man das?
Vor allem an der Ruhe. Die wirklich Guten wirken oft erstaunlich gelassen. Das heißt nicht, dass sie entspannt im Sinne von locker sind. Eher eine konzentrierte Ruhe – wie eine gespannte Feder. ..
Harry Kane ist ein Spieler, der in Extremsituationen wie beim Elfmeter Ruhe bewahrt…
Ja, man kann das sehen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er sich auf den Prozess konzentriert. Er denkt nicht darüber nach, wie wichtig der Elfmeter ist oder was passiert, wenn er daneben geht. Er macht das, was er tausendfach trainiert hat. Das was er kontrollieren kann. Das ist der entscheidende Punkt: Vertrauen in das eigene Können und Fokus auf die Handlung. Man fragt sich doch immer wieder: Wie kann es sein, dass ein Weltklassespieler mit perfekter Technik beim Elfmeter das Tor nicht trifft. Er denkt an die Konsequenz, der Fokus ist weg. Und dann wird es schwierig.
Auch Torhüter Manuel Neuer wirkt mit Ruhe einschüchternd. Ein Produkt der Körpersprache?
Das ist ein Teil davon, ja. Ein Spieler wie Neuer strahlt eine enorme Präsenz aus. Das macht er physisch, indem er sehr aufrecht, sehr groß bleibt. Aber es hat auch mit seinen Bewegungen und seinem Blick zu tun. Aber halt auch mit seiner Geschichte. Er hat so oft bewiesen, dass er auf diesem Niveau funktioniert. Da sind wir wieder bei der Überzeugung, die er selbst sichtbar hat. Diese Kombination aus Erfahrung und Ausstrahlung wirkt auf den Gegner, der auf ihn zuläuft.
Das klingt nach „Mind games“. Kann Körpersprache auch bewusst eingesetzt werden?
Teilweise. Aber das funktioniert nur, wenn es authentisch ist. Wenn ich etwas spiele, was ich nicht bin, dann wird das schnell seine Wirkung verlieren. Wenn ich einen Vortrag halte oder auf die Bühne gehe und sage: „Heute will ich die Leute begeistern“ – das wird nur funktionieren, wenn ich selbst begeistert bin.
Wie ist es bei Defensivspielern, wie etwa Joshua Kimmich oder Leon Goretzka?
Da geht es natürlich um Faktoren wie Aggressivität, weil man einen Gegner bekämpfen, auch einmal einschüchtern muss. Das kann eine Gratwanderung sein. Es besteht die Gefahr, zu überdrehen. Dieser Stress zeigt sich in kleinen Details körperlich. Muskeln spannen sich an, Bewegungen werden ungenauer und hektischer. Manchmal entlädt sich das in heftigen Diskussionen wie mit dem Schiedsrichter.
Dann könnte einem Trainer wie Vincent Kompany ein geübter Blick helfen um gegebenenfalls einzugreifen.
Das könnte ein Stück weit helfen. Wie bewegt sich jemand? Wer wirkt ruhig, wer hektisch? Wer sucht den Blickkontakt, wer vermeidet ihn? Aber man darf das auch nicht überschätzen. Du kannst Tendenzen sehen, aber am Ende bleibt der Sport unberechenbar. Generell ist die Rolle des Trainers aber schon gewaltig. Er muss taktisch gut sein aber auch verstehen, wie unterschiedlich Menschen ticken. Muss sehen, wer wann eine klare Ansprache braucht und wer eher Unterstützung. Und das muss er auch ausstrahlen, dass er die Fäden in der Hand hat. Das gelingt Kompany gut.
Welcher Faktor kann Körpersprache in einem CL-Halbfinale sein?
Auf Topniveau sind die Unterschiede in Technik und Athletik minimal. Da geht es oft um Nuancen. Und diese Nuancen entstehen im Kopf. Ein selbstbewusster Spieler bewegt sich anders. Er wirkt ruhiger, klarer, weniger hektisch. Ein unsicherer Spieler ist oft angespannter, macht mehr unnötige Bewegungen. Das sind keine großen Gesten, eher viele kleine Signale. Aber die können entscheidend sein.
Wenn Sie den FC Bayern auf die Partie gegen Paris einstellen dürften – was würden Sie sagen?
Ich würde ihnen sagen: Blendet die Zukunft und die Vergangenheit aus. Denkt nicht daran, was passieren könnte. Denkt nicht daran, was war. Konzentriert euch auf diesen Moment, auf das, was ihr könnt. Auf das, was ihr trainiert habt. Und vor allem: Habt Spaß daran!
INTERVIEW: PATRICK REICHELT