Typ mit Ecken und Kanten: PSG-Coach Enrique. © IMAGO
Paris – Das Video hat Kultstatus. Luis Enrique schimpft Kylian Mbappé mit heiserer Stimme, der eingeschüchterte Weltstar erträgt die Tiraden des Trainers wortlos wie ein Lehrling den Anpfiff seines Meisters. Keine zwei Monate später wechselt Mbappé zu Real Madrid – und Paris Saint-Germain setzt zu einem Sturmlauf auf Europa an, der am 31. Mai 2025 auf dem Thron endet. Endlich!
Wer Enriques Weg verstehen will, muss diese 90 Sekunden sehen. Oder am besten die ganze Doku, die nach einem Enrique-Spruch „No tenéis ni puta idea“ heißt – jugendfrei übersetzt: „Ihr habt verdammt noch mal nicht die leiseste Ahnung.“ Wie Mbappé, den Enrique als Möchtegern-Michael-Jordan beschimpfte, um ihn zum Verteidigen zu animieren.
Oder wie Ousmane Dembélé. Den machte Enrique mit ähnlichen Methoden vom Hallodri zur Pressingmaschine, zum Weltfußballer und Anführer jener Ausnahme-Elf, die sich im Halbfinale der Champions League dem FC Bayern entgegenstellt. Dass er den Stürmerstar Ende 2024 wegen Disziplinlosigkeit aus dem Kader strich, sei „meine beste Entscheidung“ gewesen, rühmt sich Enrique. Sie rüttelte Dembélé wach – und zeigte allen: Beim einstigen Glitzerclub ist keiner mehr größer als der Verein.
Enrique lebt diese Kultur vor. Der sture Asturier habe mit seiner Amtsübernahme 2023 „einen anderen Spirit“ reingebracht, sagt der frühere Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge: „Vorher ging man zu PSG des Geldes wegen, jetzt, weil es eine der drei Top-Adressen in Europa ist.“ Dass Paris nach dem Achtelfinal-Aus gegen die Münchner 2023 nun zum dritten Mal in Folge im Halbfinale stehe, sei „kein Zufall. Sie präsentieren tollen Fußball“.
Unterstützt vom kongenialen Kaderplaner Luis Campos hat Enrique ein Monster erschaffen, das Spektakel mit gnadenlosem Pressing mischt. Nach dem Vorbild FC Barcelona, dem Enrique 2015 seinen bislang letzten Henkelpott beschert hatte, frisst es seine Gegner. Wie Inter Mailand im einseitigsten Endspiel seit 70 Jahren (5:0). Kein Wunder, dass Enrique vor dem Duell mit den Bayern tönte: „Wir sind bereit!“
Sein robuster Charme, den er gerne mit etwas Selbstironie würzt, hat mit seiner Herkunft zu tun. Seine persönliche Freiheit mit einem schweren Schicksalsschlag. 2019 starb seine neunjährige Tochter Xana an Knochenkrebs. Er denke „jeden Tag“ an sie, erzählte Enrique nach dem Triumph über Inter, „auch wenn ich keine Titel gewinne“. Wer einen solch schmerzlichen Verlust kennt, den schreckt keine Auseinandersetzung – nicht auf dem Platz, nicht vor der Videoleinwand wie mit Mbappé.
Dabei verlief Enriques Trainerkarriere keinesfalls geradlinig. Spaniens Nationalteam verließ er nach dem Achtelfinal-Aus bei der WM 2022 gegen Marokko als Gescheiterter. Bei PSG aber machte er sein Meisterstück. „Er hat alles verändert. Er hat eine andere Art, Fußball zu sehen“, sagte der Ex-Dortmunder Achraf Hakimi.
Auf dem Weg ins Halbfinale ließ Enriques Elf Englands Schwergewichten Chelsea und Liverpool keine Chance. Kein Wunder, dass Paris dem „besten Trainer der Welt“ (Präsident Nasser Al-Khelaifi) bald mehr bezahlen will als Dembélé. Die nächsten Kultvideos sind sicher schon in Arbeit.SID