Nationaltrainer von Benin: Gernot Rohr. © IMAGO
Auf den Bayern-Keeper kommt es an: Gernot Rohr empfiehlt Manuel Neuer, seine Ausflüge aus dem Tür mit Augenmaß zu dosieren. Hier eine Aktion gegen Paris-Profi Kvaratskhelia aus der Vorrunde. © Petit Tesson / EPA
München – Geht es um den französischen Fußball, ist er die perfekte Wahl: Gernot Rohr (72) trägt den FC Bayern im Herzen – kennt sich aber in der Ligue 1 aus wie kaum ein Zweiter. Die Freude, die der aktuelle Nationaltrainer von Benin auf das Duell zwischen Paris Saint-Gemain und seinem Ex-Verein verspürt, hört man im Gespräch in jeder Sekunde.
Herr Rohr, letzte Woche haben PSG und der FC Bayern parallel gespielt. Haben Sie am Mittwoch französische Liga oder deutschen Pokal geschaut?
Beides! Und ich habe dazu sogar noch Nizza gegen Straßburg geschaut (lacht). Das ging hin und her und hin und her. Aber bei den Bayern bin ich am längsten hängen geblieben.
Mit welchen Erkenntnissen blicken Sie dann auf den „Showdown“?
Es sollte ein Vorteil für die Bayern sein, das zweite Spiel zu Hause zu haben. Aber Vorsicht! Denn Paris hat sich sehr clever vorbereitet. Sie haben schon gegen Lille letzte Woche angefangen, Stammspieler zu schonen. Sie kommen ohne große Verletzungen oder Müdigkeit. Luis Enrique macht das hervorragend. Er stellt das Team gut ein, hat eine tolle Stimmung in die Truppe gebracht. Daher ist er nicht nur im Verein beliebt, sondern auch bei Fans und Medien. Was ja nicht immer so einfach ist (lächelt). Das ist derzeit ähnlich wie in München unter Vincent Kompany.
Man spricht von den zwei besten Club-Mannschaften Europas – haben sich die Vorzeichen seit dem Aufeinandertreffen in der Liga-Phase aber geändert?
Paris hat sich verbessert, damals waren sie noch nicht so stark wie heute. Bayern hingegen ist auf seinem Topniveau geblieben. Also ja: Es treffen sich die derzeit besten Teams.
Wie blickt Frankreich auf dieses Duell der Giganten?
Selbstbewusst, aber mit sehr viel Achtung und Skepsis. Jeder weiß, wie viele Tore die Bayern schon geschossen haben, wie gut die Einzelspieler sind. Vor allem Michael Olise wird hier bewundert! Man schaut aber in Frankreich sowieso immer viel auf die Bayern, weil sie schon immer viele französische Spieler hatten. Uli Hoeneß hat gerne Franzosen geholt, diese Tradition hat sich fortgesetzt. Daher ist Bayern der beliebteste Verein aus dem Ausland, sogar mehr als Real und Barcelona. Nur am Dienstag werden sie nicht so beliebt sein (lacht).
Ist es ein vorgezogenes Finale?
Ja. Aber sehen wir die Sache doch positiv: Wir haben jetzt zwei Final-Spiele. Wir dürfen das zweimal genießen! Das hatte ich ja tatsächlich früher mal, vor 30 Jahren. 1996 habe ich mit Bordeaux im UEFA-Cup-Finale gegen Bayern unter Franz Beckenbauer gespielt. Leider zweimal verloren.
Bayern versucht, die Favoritenrolle an PSG abzugeben. Ist das purer Selbstschutz?
Das ist eine gute Strategie. Der Titelverteidiger ist ja immer der Favorit für das Jahr danach, er muss gestürzt werden. Das ist eine Challenge für Bayern. Damit motivieren sie sich auch. Wenn sie Paris rauswerfen, ist das eine Heldentat.
Als PSG im Vorjahr die Champions League gewann, hieß es aus München: Das ist unser Vorbild.
Das passt gut – und auch wieder nicht. Vom Spielerischen her ja. Paris hat auch das Kollektiv gesetzt, nicht mehr auf Superstars. Da hat sich Bayern ein gutes Beispiel genommen. Strukturell aber kann Paris kein Vorbild sein. Bayern ist ein Verein im typischen Sinne – und nicht eine Filiale von Katar.
Sie haben in den 70er-Jahren in der Mannschaft gespielt, in der man von „guten Freunden“ sprach. Spürt man das heute wieder?
Es sieht so aus. Ich finde es schön, zu sehen, wie sich die Bayern über jeden Sieg freuen. Sie sind nicht blasiert, sondern nach wie vor begeisterungsfähig. Das ist ein gutes Zeichen.
Toni Kroos sagt: „Bayern muss besser verteidigen.“ Real hat gleich dreimal getroffen in München.
Das stimmt. Aber der deutsche Fußball war doch schon immer mehr auf die Offensive ausgerichtet. Das ist eine andere Mentalität. Aber trotzdem sind die Bayern in der Lage, das zu schaffen. Man sollte nur nicht zu riskant agieren. Auch Manuel Neuer sollte das Risiko in diesem Spiel minimieren.
Hat es einen Einfluss, dass PSG in der Liga weiter unter Druck steht – und Bayern nicht?
Jeder PSG-Spieler sagt sich im Unterbewusstsein, dass er muss. Sie sind im Pokal ausgeschieden, kämpfen noch um die Meisterschaft. Paris kann es sich nicht erlauben auszuscheiden. Das ist Druck und Motivation zugleich. Bei den Bayern sehe ich eine andere Gefahr: Meister, Pokalfinale – man darf nicht überheblich werden.
Vincent Kompany wird nicht an der Seitenlinie stehen dürfen. Welchen Einfluss hat das?
Das ist schade, aber das hat keinen großen Einfluss. Die Spieler sind ja solidarisch und werden ihm vermitteln: „Trainer, machen Sie sich keine Sorgen! Setzen Sie sich ruhig hin!“ Es wird ohne ihn gehen. Das sind alles erwachsene Burschen.
Wie haben Sie Situationen wie diese in Ihrer Trainerkarriere gelöst?
Das kam schon ein paar Mal vor. Bei Bordeaux gegen Nizza wurde ich mal rausgestellt. Ich saß dann direkt hinter der Trainerbank unter alten Freunden. Das werde ich nie vergessen.
Luis Enrique schaut sich Spiele ohnehin gerne von oben an – zumindest in der ersten Halbzeit.
Stimmt. Von oben sieht man Vieles einfach besser. Ich schicke auch immer einen meiner drei Co-Trainer hoch für die erste Halbzeit. Er sieht da oben ganz andere Dinge als wir an der Seitenlinie. Für Kompany aber ist die Situation anders. Er muss ja da oben sein, ist da nicht freiwillig. Das ist schon eine Bestrafung.
Beobachten Sie eigentlich französische Spieler intensiver als andere?
Natürlich. Ich schaue als Bayern-Fan, aber auch als Franzose zu. Sie wollen mit mir bestimmt über Olise sprechen.
In der Tat. Sie wollten ihn mal überzeugen, für Nigeria zu spielen.
Zu seiner Zeit in England haben wir Kontakt aufgenommen. Auf dieser Liste stehen immer viele, die irgendwie nigerianische Wurzeln haben. Übrigens auch Jamal Musiala. Da hat mich allerdings mein Freund Oliver Bierhoff angerufen und gesagt: „Du, Gernot, der Musiala wird für uns spielen!“ Schade, aber einen Versuch war’s wert (lacht). Genau wie bei Olise. Auch da merkten wir aber schnell, dass das schwierig wird.
Jetzt will er Frankreich bei der WM verzücken.
Er hat schon jetzt einen riesigen Stellenwert. Nicht nur bei Bayern, auch in der Nationalmannschaft hat er schon viel geleistet. Alle bewundern ihn.
Bis dahin kann es für die Bayern weit gehen… Trauen Sie ihnen das Triple zu?
Ich traue es ihnen zu und wünsche es ihnen auch. Hansi Flick kenne ich gut, er hat bei meinem Bruder französisch gelernt. Und er hat ja gleich fünf Titel geholt – warum nicht nochmal? Erst Jupp, dann Hansi, dann Vincent. Das klingt doch super (lacht).
INTERVIEW: HANNA RAIF