Ihm droht der Abpfiff: Italiens Schiedsrichter-Chef Gianluca Rocchi soll Inter Mailand begünstigt haben. © Arne Dedert / dpa
Rom – Italiens Fußball kommt nicht aus dem Krisen-Modus. WM erneut verpasst, kein Team im Halbfinale der Europapokal-Wettbewerbe. Doch damit nicht genug: Nach dem vermeintlichen Escort-Skandal droht nun schon der nächste Eklat. Im Zentrum steht der Schiedsrichter-Koordinator der Serie A und B. Gegen Gianluca Rocchi wird den wegen des Verdachts der Beteiligung an Sportbetrug ermittelt, er legte am Wochenende sein Amt nieder.
Die Vorwürfe gegen den 52-Jährigen wiegen schwer: Rocchi soll Druck auf Schiedsrichter ausgeübt haben. Er soll Einfluss auf VAR-Entscheidungen genommen und in der vergangenen Saison Schiedsrichteransetzungen für Spiele in der Serie A beeinflusst haben. Die Mailänder Staatsanwaltschaft ermittelt inzwischen, für Donnerstag ist Rocchi vor Gericht vorgeladen.
Rocchi bestreitet jede Beteiligung an illegalen Handlungen. „Diese Entscheidung soll einen korrekten Ablauf der gerichtlichen Phase ermöglichen, aus der ich, da bin ich sicher, unbeschadet und stärker als zuvor hervorgehen werde“, erklärte Rocchi in einer Mitteilung zu seinem Rücktritt. Unterdessen suspendierte sich der VAR-Verantwortliche Andrea Gervasoni inzwischen selbst von seinem Amt, wie Italiens Schiedsrichterverband AIA mitteilte.
Konkret soll Rocchi nach Angaben der Sportzeitung „Gazzetta dello Sport“, die sich auf Dokumente der Staatsanwaltschaft beruft, vergangenes Jahr die Schiedsrichteransetzungen von zwei Spielen von Inter Mailand beeinflusst haben – mit Referees, die angeblich den Nerazzurri wohlgesonnen sind. Inter-Präsident Giuseppe Marotta wies die Berichte darüber, dass man durch Rocchi begünstigt worden sei, zurück.
Die Affäre um Rocchi – sollten sich die Vorwürfe bestätigen – erinnert zumindest ein wenig an den sogenannten Calciopoli-Skandal aus dem Jahr 2006. Dieser stürzte Italiens Fußball kurz vor der WM in Deutschland in eine schwere Krise. Damals wurden abgehörte Telefonate zwischen Club-Verantwortlichen und Schiedsrichtern veröffentlicht, die belegten, dass es Absprachen gab.
Die „Gazzetta“ veröffentlichte nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe gegen Rocchi einen Artikel zu dem „Skandal aller Skandale“ und schrieb von einer „Reise durch die Beziehungen zwischen Schiedsrichtern und Machtstrukturen im italienischen Fußball“. Bisher ist jedoch nicht geklärt, ob die Vorwürfe gegen Rocchi tatsächlich zutreffen und welches Ausmaß sie gehabt haben könnten. Sportminister Andrea Abodi forderte jedenfalls Konsequenzen, sollte es wirklich zu Fehlverhalten vonseiten Rocchis und anderer Offizieller gekommen sein.
Der Betrugsvorwurf gegen Rocchi kommt für Italiens Fußball zur Unzeit. Jüngst erst hatte die Aufdeckung eines mutmaßlichen Prostitutionsrings in der Mailänder Partyszene für Aufsehen gesorgt. Übereinstimmenden Medienberichten steht dabei auch eine lange Liste von Profifußballern im Fokus. Gegen die Spieler – darunter sollen auch bekannte Serie-A-Profis aus Italien und anderen Ländern sein – wird nach derzeitigem Stand aber nicht ermittelt.
Und das alles nicht mal einen Monat nach dem abermaligen Scheitern in einer WM-Qualifikation. Zum dritten Mal in Serie verpasste die Squadra Azzurra eine Weltmeisterschafts-Endrunde. Personelle Konsequenzen blieben nicht aus. „Das schreckliche Jahr des Fußballs“, heißt es in einem Beitrag der Zeitung „La Rebubblica“: „Wir haben uns an das Schlimmste gewöhnt.“DPA