Totgesagte leben länger

von Redaktion

„Charaktertest“: Bayern glaubt nach 4:5 in Paris weiter ans CL-Finale

Paris – Der Applaus aus dem noblen Ballsaal des „Four Seasons Hotel George V“ war bis auf die Champs-Élysées zu hören – und er nahm kein Ende. Noch bevor im 8. Pariser Arrondissement bis weit in die Nacht bei grünem Bohnensalat mit Spargel, gegrillter Goldbrasse und dem einen oder anderen Glas französischen Wein über dieses epochale Spiel philosophiert wurde, waren die Spieler des FC Bayern empfangen worden, als hätten sie nicht 4:5 (2:3) gegen PSG verloren, sondern hoch gewonnen. Man spürte in diesen Minuten, was Vincent Kompany seinem abgekämpften Team schon kurz nach Abpfiff in der Kabine des Prinzenparks gesagt hatte: „Wir glauben daran!“ Diese Bayern geben nicht auf – weder beim zwischenzeitlichen Stand von 2:5 in Paris noch vor dem Rückspiel am Mittwoch (21 Uhr) in München.

Mit den Worten „außerordentlich“ und „historisch“ beschrieb Jan-Christian Dreesen die 90 intensiven Minuten, die 48.000 Zuschauer live erleben durften. Noch nie wurden in einem Champions-League-Halbfinale neun Tore geschossen, Sportdirektor Mas Eberl sprach der Fußball-Welt aus der Seele, als er sagte: „Das war ein Spiel, wo ich sage, da geht nicht viel drüber.“ Irres Tempo, enormer Spielwitz, Weltklasse auf beiden Seiten: Seit dem Abpfiff am Dienstag 22.58 Uhr zählt ganz Europa die Tage bis zum Rückspiel runter. Allen voran die Bayern, die ein Tor aufholen müssen, aber den „Charaktertest“ bestanden haben (Dreesen). „Diese Mannschaft hat Mut, Willen, Vertrauen in sich selber“, sagte der Boss. Und genau das ist der Grund, warum man noch in der lauen Pariser Nacht zur Attacke blies.

„Paris hat heute gemerkt, dass wir eigentlich die bessere Mannschaft waren“, sagte etwa Joshua Kimmich, der die kollektive Gemütslage zwischen Erschöpfung, Stolz und doch auch ein wenig Ärger ausstrahlte. 2:5 hatte es zwischenzeitlich nach Treffern von Kane (27.), Olise (41.) sowie Kwarazchelia (24./56.), Neves (33.) und Weltfußballer Dembélé (45.+5/58.) in dieser Jahrhundert-Partie gestanden, nicht nur Dreesen saß auf der Tribüne und dachte: „Oh, oh, oh, was soll das werden?“ Aber auch wenn man schon „tot“ war und „Paris abgeklatscht hat, als seien sie durch“ (Eberl), beflügelte das Comeback der Bayern mit Treffern von Upamecano und Diaz auf dem Weg zurück nach München. Die Bayern landeten am Montagmittag in dem Gewissen, „dass wir nur 0:1 hinten liegen“ (Jonathan Tah) und „die Allianz Arena eine Festung ist“ (Eberl). Auch Dreesen sagte: „Ich bin optimistisch, dass wir mit unseren Fans Großes erreichen können.“

Der Appell erreichte die roten Anhänger schon, als noch keine Flasche entkorkt war. „Wenn jemand eine Karte gekauft hat und sich am Tag des Spiels unwohl fühlt, bleibt zu Hause und gebt eure Karte an die fitteste Person weiter, die zu dieser Festung beitragen kann“, sagte Kompany. Die 90 Minuten auf der Tribüne waren Folter für den gesperrten Coach, der für kommende Woche weiß: „Wir müssen das Spiel gewinnen und brauchen die Unterstützung von 75.000 Menschen im Stadion.“

Die Bayern leben noch und auch bei PSG ist angekommen, was bis auf die Champs-Élysées hallte. Wie viele Tore man in München schießen müsse, um ins Finale von Budapest einzuziehen, wurde Coach Luis Enrique gefragt. Seine Antwort: „Mindestens drei!“HANNA RAIF, MANUEL BONKE

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