Immer unter Strom: Diego Simeone. © IMAGO / Blanco
Madrid – Wenn Atlético Madrid nach zehn Jahren wieder nach dem Einzug ins Champions-League-Finale greift, wird Diego Simeone an der Seitenlinie alles raushauen. So hat er sich einen Namen im Fußball gemacht: leidenschaftlich, provokant, „all in“. Doch das Halbfinal-Rückspiel beim FC Arsenal am Dienstag (21.00 Uhr/Prime Video) könnte zugleich das Ende einer Ära sein.
In Spanien verdichten sich die Hinweise, dass der Trainer den Club nach fast 15 Jahren verlässt, sollte Atlético den Einzug ins Finale der Champions League am 30. Mai in Budapest verpassen. „El Cholo“ drohe ein „Last Dance in London“, hieß es in der Talkshow „Chiringuito“. Für Simeone gehe es „um alles oder nichts“.
Der „Cholismo“, sein emotionaler Stil, gilt bei vielen Fans des kleineren Madrider Clubs als unantastbar. Doch intern wachsen Zweifel. „Die Fans fordern mehr, und auch in der Kabine weiß man, wie entscheidend dieser Moment ist“, so „Chiringuito“. Gerade die jüngere Generation im Kader drängt auf einen spielerisch variableren Ansatz.
Simeone ist in Madrid längst ein Mythos: Seit Ende 2011 führte er ein Team ohne große Namen zurück an die Spitze, holte 2014 die Meisterschaft sowie zweimal die Europa League und erreichte zwei Champions-League-Finals. Inzwischen investiert Atlético deutlich mehr – etwa in Weltmeister wie Julián Álvarez. Der Anspruch ist mitgewachsen.
Der Erfolg aber bleibt zuletzt aus: Seit dem Titel 2021 gab es keine Trophäe mehr, Rang vier in der Liga sorgt für Kritik. Der Rückstand auf die Spitzenteams ist deutlich, die spielerische Entwicklung stockt. Spätestens nach der deutlichen Pokalfinal-Pleite gegen Real Sociedad geriet Simeone stärker unter Druck.
Nach dem 1:1 im Hinspiel sprach er von einer „außergewöhnlichen Herausforderung“. Arsenal ist in dieser Champions-League-Saison noch ungeschlagen, das Emirates wird zum Härtetest. „Aber wir gehen all in“, sagte Simeone vor seinem 1001. Spiel als Trainer, das er am Wochenende mit einem 2:0 in Valencia einleitete.
Und dann: Nationaltrainer von Italien?
Interessenten gibt es genug: In England und Italien werden vor allem Chelsea und Inter Mailand genannt. Auch als möglicher Nationaltrainer Argentiniens nach der WM wird er gehandelt – ein Schritt zurück in die Heimat mit großer Strahlkraft.
Ein Coup in London könnte dem „Cholismo“ neues Leben einhauchen und die Diskussionen abrupt beenden. Die Mannschaft würde ihrem Trainer ein spätes Geschenk machen – und sich selbst die Chance auf den ganz großen Wurf erhalten.
Andernfalls endet womöglich eine prägende Ära. So oder so wird Simeone polarisieren – für seine unorthodoxe, oft kritisierte Spielweise. Und doch auch weiter Faszination ausüben. Wie auf Arsenal-Coach Mikel Arteta, der einen ähnlich defensiven Ansatz hat und sagt: „Jeder hat seinen Stil – aber in vielen Dingen ist er ein absoluter Maßstab.“DPA