Zuletzt lief Krause auch Halbmarathon. © Tonhäuser/Imago
Ein Ass über die Hindernisse: Gesa Krause. © Kohring/Imago
Auf der Bahn überragt Hinze seit Jahren. © Mill/Imago
In Paris gab es für Hinze (l.) die Bronzemedaille. © Imago
„Ein Kind bringt jeden Tag neuen Schwung rein“: Gesa Krause mit Tochter Lola Emilia. © Foto: Privat
„Ich genieße die Zeit ganz bewusst mit meinem Kind“, sagt Emma Hinze. © Foto: Privat
Ende April 2023 ist Lola Emilia auf die Welt gekommen, die Tochter von Gesa Krause. Krause hat sich zurück in den Leistungssport gekämpft, überzeugte zuletzt mit einer neuen Halbmarathon-Bestzeit und greift im Sommer wieder über ihre Lieblingsdisziplin – die 3000 Meter Hindernis – an. Emma Hinze ist seit über einem Monat Mutter eines Sohnes. Für die Rückkehr in den Leistungssport als Bahnradfahrerin hat sie sich kein Datum gesetzt, sie möchte auf ihr Bauchgefühl hören. Im Doppelinterview sprechen Krause (33) und Hinze (28) über fehlende Hilfe, abgesprungene Sponsoren und eine neue Balance für den Körper.
Was hat sich in den ersten Wochen nach der Geburt am meisten an Ihrem Leben verändert?
Gesa Krause: Es gibt den Satz: Die Zeit rennt vorbei. Ein Kind bringt jeden Tag neuen Schwung rein, lernt jeden Tag etwas Neues. Es passiert so viel, eigentlich müsste man das aufschreiben. Die komplette Rolle, die man als Mensch vorher eingenommen hat, verändert sich natürlich. Als Sportler ist man oft ein bisschen egoistisch, auf sich selbst fixiert. Plötzlich stehen dann aber Selbstlosigkeit und bedingungslose Liebe im Vordergrund. Man opfert sich auf, versucht aber natürlich auch, sich selbst in dem neuen Lebensabschnitt nicht zu verlieren. In den ersten Wochen ist es wichtig, dass man nicht zu schnell wieder in alte Muster zurück möchte.
Emma Hinze: Alles (lacht). Am meisten hat sich verändert, dass sich nicht mehr alles um mich dreht. Nachts bin ich alle drei Stunden wach und frage mich: Wie soll ich den Tag überleben? Aber irgendwie funktioniert das immer. Die Muster, die man sich über Jahre aufgebaut hat, muss man jetzt ein bisschen loslassen. Ich genieße die Zeit ganz bewusst mit meinem Kind und stelle den Sport erstmal hinten an.
Inwiefern muss man für den Körper, der jahrelang auf Leistungssport getrimmt war, erst wieder eine neue Balance finden?
Krause: Am Anfang der Schwangerschaft fiel es mir wirklich schwer, weniger zu machen. Wenn die Übelkeit oder Erschöpfung zu groß war … Es war wichtig, das richtige Pensum zu finden. Es gibt die grobe Empfehlung, dass man in den ersten sechs Wochen nach der Geburt nicht laufen gehen soll. Ich habe mit Spaziergängen angefangen, meine Rückbildungsübungen gemacht. Der erste Laufversuch hat sich nicht gut angefühlt. Da war ich dann aber auch realistisch und habe nach ein paar hundert Metern einfach abgebrochen. Von der kompletten Statik hat sich alles ein bisschen komisch angefühlt. Man muss das Körpergefühl wieder neu lernen, der Körper erinnert sich aber auch schnell an die Bewegungsmuster zurück.
Hinze: Ich merke, dass der Körper noch Zeit braucht. In unserem Sport muss man so viel Kraft generieren, das kann ich aktuell einfach nicht. Die Körpermitte ist noch nicht stark genug. Ich bin schon ein wenig ungeduldig und würde gerne schon wieder mehr machen. Aber da höre ich einfach auf mein Bauchgefühl und setze mir kein Datum für die Rückkehr. Nach der Geburt fühle ich mich so, als ob ich alles schaffen kann. Man fühlt sich wie eine Superheldin (lacht). Ich finde es schade, dass nicht viel mehr darüber gesprochen wird, was es für eine krasse Leistung ist. Ich dachte mir: Die Schmerzen, die ich im Training hatte, sind im Vergleich dazu gar nichts gewesen.
Krause: Dass nicht alles so zu 100 Prozent funktioniert, wie man sich das vornimmt, wird bleiben. Mir hat das eine gewisse Lockerheit für den Sport gegeben. Wenn ich früher ein schlechtes Training hatte, war der ganze Tag Mist. Jetzt legt man nicht mehr alles auf die Goldwaage. Wenn ich nach einem schlechten Wettkampf nach Hause komme, strahlt mich mein Kind an. Und Lola interessiert es nicht, welche Zeit ich gelaufen bin (lacht).
Was wünschen Sie sich, um Müttern den Wiedereinstieg in den Leistungssport zu erleichtern?
Hinze: Ich würde mir wünschen, dass man mehr Unterstützung bekommt. Auch schon während der Schwangerschaft. Ich habe niemanden gefunden, der mir explizit helfen konnte. Auch in der Rückbildungsphase ist alles super allgemein, es gibt keine Empfehlungen für den Leistungssport. Ich habe Sponsoren, die mich weiter unterstützen. Es gibt aber auch Sponsoren, die sagen: Es geht nicht mehr. Oder: Wir zahlen nur die Hälfte. Oder: Wir zahlen erst, wenn du wieder Sport machst. Das ist ein schwieriges Signal für Frauen, die sich dann vielleicht nicht trauen, während der Karriere schwanger zu werden. Aktuell steht die Frage im Raum, ob ich mein Kind mit ins Trainingslager nehmen kann. Bislang gibt es aber keine Beispiele oder Strukturen für eine Sportlerin mit Baby in unserem Verband.
Krause: Ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht. Es gibt keine Literatur und zu wenig Forschung. Ich habe zwar nicht erwartet, dass man mir mit allem hilft, aber, dass man so auf sich alleine gestellt ist, hätte ich auch nicht gedacht. Man braucht ein Team um sich herum, auf das man sich verlassen kann. Von außen kommt da wenig Hilfe! Ich habe auch einige Sponsoren verloren. Ich kann Emma da nur zustimmen, das ist ein ganz schlechtes Signal. Es gibt so viele Beweise, dass Frauen nach der Schwangerschaft stärker zurückkommen können. Auch vom Verband gibt es jetzt keine geregelte Struktur, wie mit Müttern im Leistungssport umgegangen wird. Ich habe oft das Gefühl, dass es nicht mal zur Debatte steht. Und das ist extrem schade.
INTERVIEW: NICO-MARIUS SCHMITZ