„Durch die Verletzung spielen“

von Redaktion

Die großen Rätsel vor der Eishockey-WM: Wer hat was, wer fährt mit?

Noch nie ein NHL-Spiel verpasst, dennoch angeschlagen: Deutschlands Abwehr-Ass Moritz Seider. © DEB/City-Press

München – Seit fünf Jahren spielt Moritz Seider in der NHL – und seine Bilanz lautet: 82, 82, 82, 82, 82. Er hat jeweils das volle Programm an Spielen absolviert, kein einziges verpasst. In der abgelaufenen Hauptrunde stand er für die Detroit Red Wings im Schnitt 25:40 Minuten und insgesamt mehr als jeder andere Feldspieler der Liga auf dem Eis – der 25-Jährige ist der Inbegriff des unverwüstlichen Abwehrfelsens. Dass er für die deutsche Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft ab kommenden Freitag in der Schweiz aufläuft, ist dennoch nicht gesichert. Selbst bei Moritz Seider gibt es gesundheitliche Themen.

So wurde vor einigen Wochen ein mit deutschen Medien terminierter Videocall kurzfristig abgesagt, weil Seider sich wegen einer Verletzung in Behandlung begeben musste. Er selbst sagte nun: „Kleine Verletzungen werden während der Saison klein gehalten.“ Nachdem Detroit die Playoffs mal wieder verpasst hatte, war Seider an seine deutsche Homebase Mannheim gereist, um sich Untersuchungen zu unterziehen. Die Szenerie erinnert an 2023. Zunächst hatte er für die WM abgesagt, dann besserte sich seine Verfassung, sodass er sich doch noch zum Dienst in der Nationalmannschaft meldete – und mit ihr Vizeweltmeister wurde. Eine Entscheidung in Richtung WM 2026 wird erst nach dem letzten Test gegen die USA am Sonntag (17 Uhr) in Mannheim fallen.

Spielen trotz Verletzung? Das ist im Eishockey nicht unüblich. Betroffene Spieler müssen abwägen: Zwischen der moralischen Verpflichtung zum Opfergang für das Team – und dem Risiko, die Karriere zu gefährden. Vor allem gegen Ende einer Saison wird über die Grenzen gegangen. Es wurden schon Playoffs gespielt mit gebrochenen Waden und Mittelfußknochen, mit notdürftig fixierten Schultern. Wer spielt, gilt als nicht verletzt. Wenn jemand nicht spielt, wird der Grund des Ausfalls nicht klar benannt. Ober- oder Unterkörperverletzung – das ist die gängige Terminologie, die vieles offen lässt.

Gerade hat das Eishockey wieder zwei prominente Fälle von „durch die Verletzung spielen“ erlebt. Bei den Edmonton Oilers fiel auf, dass Connor McDavid, der weltbeste Spieler, in den NHL-Playoffs gegen Anaheim seine einzigartige Geschwindigkeit von über 40 km/h nicht aufs Eis brachte und ihm schnelle Seitwärtsbewegungen nicht möglich waren – nach dem Ausscheiden der Oilers war von „Brüchen im Fußbereich“ die Rede. McDavids Mitspieler Leon Draisaitl war durch eine Knieverletzung eingeschränkt, die nicht näher definiert wurde. Die Zeitung Edmonton Journal hatte daher die Expertise eines für Ferndiagnosen berühmten Orthopäden eingeholt. Analysiert wurden TV-Aufzeichnungen von Draisaitls Gang, als er zur Behandlung in München weilte und ein FC-Bayern-Spiel besuchte: Humpelt, aber braucht keine Krücken, trägt keine Schiene – könnte sich um ein (angerissenes) Innenband handeln. Die Playoffs bestritt der deutsche Stürmer, war mit zehn Punkten in sechs Spielen sogar Topscorer, sagte aber: „Es reichte, um in einigen Situationen Einfluss auf das Spiel zu nehmen – doch mir hat die Explosivität in meinem Schritt gefehlt.“ Für die WM sagte er ab.

Bundestrainer Harold Kreis bekam etliche Absagen. Sich über den Sommer auskurieren zu müssen – im Eishockey ist das ein Grund, der immer greift. Auch bei Spielern, die nicht ausgefallen waren. Kann ja sein, dass sie dennoch was hatten. Das verhindert Diskussionen, ob Absagen für die WM nicht deswegen erfolgten, weil Spieler für das Saisonhighlight Olympia nicht berücksichtigt worden waren – die Retourkutsche der Beleidigten. Vorsorglich hatte Kreis schon davon gesprochen, „dass diesen Sommer einige auch Väter werden oder heiraten“.

Obwohl Eishockeyspieler die jährliche WM gerne mal auslassen, zumal in einer Olympiasaison, deutet sich für das Turnier in Zürich und Fribourg eine gute personelle Ausstattung an. Zumindest bei den anderen Nationen. Finnland etwa freut sich über das Mitwirken von Aleksander Barkov von den Florida Panthers. Der weltbeste Defensivstürmer hatte im Herbst einen Kreuzbandriss erlitten, er feiert bei der WM sein spätes Saisondebüt.GÜNTER KLEIN

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