Lichtblick: Startelf-Debütant Xaver Kiefersauer. © IMAGO
Emotionales Ende: Bei der Verabschiedung von acht Spielern durch Geschäftsführer Manfred Paula ließ der langjährige Kapitän Jesper Verlaat seinen Tränen freien Lauf. © IMAGO / Eibner-PresseFoto
München – Und plötzlich: Grüße in die Seitenstraße. „Champions-League-Versager FCB“, schallte es aus der Westkurve durchs Grünwalder Stadion. Mit einem Seitenhieb gegen den ungeliebten Stadtrivalen sangen sich die Löwenfans den Frust von der Seele. Bemerkenswerte Häme, denn während der FC Bayern trotz des Halbfinal-Aus gegen Paris weiter in anderen Fußball-Sphären unterwegs ist, beendet der TSV 1860 sein achtes Drittligajahr wohl als Achter – und klammert sich nach dem 1:2 gegen Ingolstadt an die Gewissheit, kommende Saison wenigstens wieder im DFB-Pokal dabei zu sein.
Der Samstag vor dem Muttertag fühlte sich ohnehin mehr nach Abschied als nach Aufbruch an. Vor dem Anpfiff verabschiedete Geschäftsführer Manfred Paula acht Spieler: Jacobsen, Lippmann, Philipp, Schifferl, Schröter, Verlaat, Wolfram und Torhütertalent Qela bekamen gerahmte Bilder. Emotional wurde es bei Jesper Verlaat. Der Niederländer, vier Jahre lang Abwehrchef und Vorzeigelöwe, weinte bittere Tränen. Verlaat hätte gerne verlängert, doch 1860 plant ohne ihn. Ein schmerzhafter Moment – auch für viele Fans.
Vertraute Gesichter gingen, doch auf dem Platz zeigte sich die Zukunft: drei Jugendliche in der Startelf, drei Mutmacher. Allen voran Nachwuchsstratege Xaver Kiefersauer. Der U 21-Kapitän hatte zuvor seinen Vertrag bis 2028 verlängert. Der Startelf-Debütant spielte erfrischend abgeklärt. Tief vor der Abwehr dirigierte er das Spiel mit der Ruhe eines Routiniers.
Trainer Markus Kauczinski schwärmte hinterher davon, wie Kiefersauer „Regie geführt“ habe. Der Youngster selbst strahlte. „Hat riesig Spaß gemacht, war ein richtig geiles Gefühl“, sagte der Münchner. „Das erste Mal hier einzulaufen mit den Einlaufkindern und dieser Atmosphäre – das war schon etwas Besonderes.“
Kiefersauer war es auch, der mit einem gekonnten Vertikalpass die Führung einleitete. Haugen nahm den Ball auf und bediente Samuel Althaus, der eiskalt per Lupfer zum 1:0 traf. Neben Kiefersauer überzeugte auch Innenverteidiger Sean Dulic in der ungewohnten Viererkette. Drei NLZ-Talente in tragenden Rollen, alle gerade mal 20 – ein Fingerzeig, wie 1860 sich für die Zukunft aufstellt?
Doch wie so oft in dieser Saison hielt das gute Gefühl nicht lange. Nach der Pause gaben die Löwen die Kontrolle ab. Ingolstadt drehte die Partie innerhalb weniger Minuten. „In der ersten Halbzeit war alles perfekt“, analysierte Siemen Voet: „In der zweiten Halbzeit war es ein bisschen mehr Chaos.“
Bei Markus Kauczinski überwog trotz des verpatzten Heimfinales der Optimismus. „Auch wenn es sich doof anhört: Ich war mit unserem Spiel zufrieden“, sagte der 1860-Coach. Vor allem die erste Halbzeit und die Auftritte der jungen Spieler machten ihm Mut: „Ich habe Dinge gesehen, die mich positiv für die Zukunft stimmen.“
Die Zahlen sprechen dennoch eine klare Sprache: Nur ein Sieg aus den letzten neun Spielen, Mittelmaß statt Aufstiegskampf. Die Saison trudelt unwürdig aus.. Am Samstag geht es noch zum SC Verl – sportlich ohne Bedeutung.
Grund für leisen Jubel gab es schließlich doch noch. Weil Regionalligist Würzburg parallel Unterhaching besiegte, steht fest: 1860 ist unabhängig vom Ausgang des Totopokal-Finales gegen die Kickers für den DFB-Pokal qualifiziert. Stadionsprecher Sebastian Schäch verkündete die Nachricht durchs Mikrofon. In der Mixed Zone formulierten Voet und Dulic ihren Wunsch für die erste Pokalrunde. „Ich hätte gerne die Roten“, sagte Voet grinsend. Dulic nickte zustimmend. Ein Derby im DFB-Pokal hätte seinen Reiz. Sportlich allerdings waren beide Stadtrivalen selten weiter voneinander entfernt als in diesem Mai 2026.ULI KELLNER