Auch Wilco Kelderman vom Team Visma Lease a Bike war gezeichnet. © Bettini/AFP
Hatte Glück: Jonas Vingegaard konnte gerade noch ausweichen. © Secci/dpa
Blut und Wunden überall: Mitfavorit Adam Yates erwischte es schwer. © Ferrari/dpa
Hamburg – Schlammverschmiert und mit blutverkrustetem Gesicht stand Adam Yates auf der regennassen Straße und ließ sich eine Flasche reichen. Der britische Mitfavorit wusch sich hastig den gröbsten Schmutz von den Händen, schwang sich aufs Rad und machte sich tatsächlich noch einmal an die Verfolgung. Schwer gezeichnet vom heftigen Sturz auf der zweiten Etappe des Giro d’Italia – und ohne jede Hoffnung auf den Gesamtsieg.
Eine Nacht später kam dann das vorzeitige Aus des tapferen Profis. „Adam Yates leidet unter schweren Schürfwunden und einer Schnittwunde am linken Ohr“, erklärte der Teamarzt von UAE Emirates-XRG vor dem Start der dritten Etappe. Zudem zeige der 33-Jährige, der ohnehin mehr als 13 Minuten verloren hatte, „Symptome einer Gehirnerschütterung“. Während Topfavorit Jonas Vingegaard rund 23 km vor dem Ziel gerade noch ausgewichen war, erwischte es Yates am Samstag als einen von 30 Fahrern auf der seifigen Straße in Richtung Veliko Tarnovo bei hoher Geschwindigkeit. Es war der zweite Massensturz in zwei Tagen, eine weitere schlimme Kettenreaktion, die den Giro-Auftakt in Bulgarien überschattete.
„Die Straßen waren sehr rutschig. Ich habe schon ein paar Kilometer vorher gesehen, dass das Feld nervös wird“, beschrieb Paul Magnier, der Sieger der ersten Etappe, die Situation. „Es war ein schneller Sturz, ich hoffe, alle sind in Ordnung.“ Magniers fast naive Hoffnung sollte sich nicht erfüllen. Minutenlang hatten geschundene Körper und teure Rennräder ineinander verkeilt neben und unter einer Leitplanke gelegen, während Rettungsdienste im Chaos Erste Hilfe leisteten. Besonders schwer erwischte es das Team des abwesenden Topstars Tadej Pogacar.
Neben Kapitän Yates fielen auch die UAE-Fahrer Jay Vine (Gehirnerschütterung und Ellbogenbruch) und Marc Soler (Beckenbruch) dem Crash zum Opfer. Sie alle mussten das Rennen aufgeben, ehe die Italien-Rundfahrt überhaupt ihr Stammland erreicht hat.
Einziger Trost für die Verantwortlichen: Den Streckenplanern war diesmal kein Vorwurf zu machen, vielmehr waren es die äußeren Bedingungen, die den heftigen Sturz ermöglichten – und die aus Radsport-Perspektive unglückliche Positionierung der Leitplanke.
Immerhin das Aushängeschild der Rundfahrt blieb unversehrt – und auch nach dem Etappenfinale, bei dem der Deutsche Florian Stork nur knapp den Tagessieg und den Sprung ins Rosa Trikot verpasste, gut positioniert. Vingegaard, in der Vergangenheit selbst Opfer schwerer Stürze, wird nach dem transferbedingt frühen Ruhetag am Montag in Italien seinen Angriff auf den ersten Giro-Titel intensivieren. Sein Favoritenstatus ist auf bittere Weise noch klarer geworden.
Yates, Zwillingsbruder des Vorjahressiegers Simon Yates, ist ebenso raus wie Mitfavorit Santiago Buitrago (Bahrain-Victorious). Der Kolumbianer konnte nach dem Sturz nicht weiterfahren und wurde später ebenfalls mit einer Gehirnerschütterung diagnostiziert.
Immerhin verlief die dritte Etappe am Sonntag ohne Zwischenfälle. Den Tagessieg holte sich nach 175 Kilometer von Plowdiw nach Sofia der Franzose Paul Magnier im Sprint vor dem Italiener Jonathan Milan und dem Niederländer Dylan Groenewegen. Magnier hatte bereits beim Auftakt in Burgas triumphiert. Das Rosa Trikot trägt weiter der Uruguayer Guillermo Thomas Silva.SID/DPA