Auf die Identität kommt es an: Im letzten WM-Test gegen die USA verteidigten die Deutschen mit allen Mitteln das Tor von Philipp Grubauer. © DEB/City-Press
Mannheim – Ende vergangener Woche hatte es noch einmal Unruhe an der Nominierungsfront gegeben.
Die Frage rund um die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft lautete: Was ist jetzt eigentlich mit Moritz Müller, dem 39-jährigen Irgendwie-immer-noch-Kapitän – fährt er mit zur WM? Der Deutsche Eishockey-Bund kommunizierte, Müller überlege noch, wie es mit seiner Karriere weitergehen solle – doch dann verkündete der Kölner zuerst (via Instagram), dass er am 30. Mai (vorletzter Tag der WM in der Schweiz) bei einem Benefiz-Fußballspiel teilnehmen werde, kurz darauf schließlich, dass er das Eishockey-Turnier in Zürich als Experte beim Sender MagentaSport begleiten werde. Der Verband wirkte von den Entwicklungen überrollt.
Sei aber nicht so gewesen, hält Bundestrainer Harold Kreis entgegen: „Ich hatte mit Moritz ein Gespräch unmittelbar nach den Olympischen Spielen und auch jetzt, als Köln in den Playoffs ausgeschieden war. Die Information hatte ich, bevor sie publik wurde.“ Jedenfalls: Kreis war vorbereitet. Am Sonntagabend, nach der 2:5-Niederlage gegen die USA im letzten Testspiel in Mannheim. legte er sich auf einen finalen WM-Kader fest, vergab alle 25 Stellen. 19 Spieler, die schon dabeigewesen waren, plus sechs aus der Berliner Meistermannschaft, sie flogen am Montag von ihrem DEL-Standort nach Zürich.
Sonst waren immer Plätze offengehalten worden, weil man noch auf Nachschub aus den nordamerikanischen Ligen hoffte. Das ist diesmal nicht der Fall: Es gab klare Absagen aus der NHL (Draisaitl, Stützle, Peterka), eine zu sperrige Vertragssituation (Lukas Reichel in Boston), gekommen von drüben sind Torhüter Philipp Grubauer (Seattle), Verteidiger Moritz Seider (Detroit) und Stürmer Josh Samanski (Edmonton). Auf weitere Spieler, die derzeit noch beschäftigt sind in NHL (Nico Sturm) und AHL (Wojciech Stachowiak) wartet man nicht. Kreis nimmt hin, „dass eine Nominierung kein Wunschkonzert ist: Dieses Jahr ist eines, in dem es gesundheitliche oder sportliche Gründe gibt, dass Spieler nicht teilnehmen.“ Es wird nicht ausgesprochen, aber ist in der Eishockeyszene bekannt: Weil sie nicht für Olympia vorgesehen waren, sind einige Cracks auch schlicht beleidigt.
Der Kader hat sich dadurch aber geöffnet. Für den Garmisch-Partenkirchner Marcus Weber (Nürnberg), der mit 34 Jahren erstmals eine WM erleben wird. Für Dominik Bokk (Köln), den gescheiterten NHL-Erstrundendraft, bei dem die Bundestrainer immer Gründe fanden, nicht auf ihn zu setzen, für Nico Krämmer (Bremerhaven), dessen letztes Turnier Olympia 2022 in Peking war. Phillip Sinn (22) hatte in München zuletzt den Status als siebter Verteidiger mit wenig Eiszeit, ist aber nun einer von acht auserwählten Abwehrspielern im DEB-Aufgebot. Das WM-Debüt erwartet auch den Nürnberger Stürmer Samuel Dove-McFalls (29) und Berlins Meistergoalie Jonas Stettmer (23).
Was ist von diesem Kader zu erwarten, der weniger leuchtet als der vergangener Jahre? „Wir fahren nicht nach Zürich, um Urlaub zu machen, sondern Spiele zu gewinnen“, sagt Grubauer. Der NHL-Goalie ist erst zum letzten Spiel dazugestoßen, hat aber wahrgenommen, „dass einige Jungs vier Wochen unglaublich gekämpft haben, um dabei zu sein. Sie haben sich ihre Identität erarbeitet. Die steht.“ Moritz Seider, der der Kapitän sein wird, findet: „Wir sollten mit viel Selbstvertrauen nach Zürich reisen. Wenn wir die Dinge treu zu unserem System machen, sind wir eine gute Mannschaft.“ Die DEB-Zielsetzung Viertelfinale unterschreibt er. „Wir wollen uns in einen Groove spielen. Ich freue mich auf eine möglichst lange WM.“GÜNTER KLEIN