Der WM-Countdown läuft: Kimmich & Co. sind noch kein eingespieltes Team. © Imago
An die Arbeit: Bundestrainer Nagelsmann hat noch viele offene Baustellen. © Imago
München – Die WM startet in vier Wochen – und Fußballdeutschland bekommt langsam Angst. Selten hatte man vor einem Turnier so wenig Ahnung, wie die deutsche Nationalelf überhaupt spielen will: mit welchem Personal, aber auch mit welcher Art und Weise? Gehört man in der Selbsteinschätzung noch zum Favoritenkreis und will entsprechend dominanten Fußball spielen? Oder rechnet man sich eher Außenseiterchancen aus?
All diese Sorgen und offenen Fragen ergeben sich aus den wenig überzeugenden letzten Auftritten der DFB-Elf, für die man Trainer Julian Nagelsmann durchaus kritisieren kann. Uli Hoeneß tut das auch – und zwar aktuell aus allen Lagen: „Wenn es Deutschland gelingt, eine Mannschaft zu werden, obwohl der Trainer es nicht geschafft hat, zweimal hintereinander mit derselben Elf zu spielen – dann haben wir eine Chance“, sagte der Ehrenpräsident des FC Bayern in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Und fragte zuvor in einem DAZN-Interview: „Wer ist unser Mittelstürmer? Wer spielt Torwart? Wer rechter Verteidiger, wer linker?“
Zumindest diese Fragen hat Nagelsmann klar beantwortet: Hinten rechts wird Joshua Kimmich auflaufen, hinten links David Raum. Und wenn sich nicht noch eine absolute Kehrtwende bei Manuel Neuer ergibt, wird Oliver Baumann im Tor stehen. Grundsätzlich ist die Defensive, in der Nico Schlotterbeck und Jonathan Tah im Zentrum spielen werden, der klarste Bereich im Team, der sich zuletzt einspielte und qualitativ vergleichsweise nah an der Weltspitze ist.
Anders sieht es davor aus: Hier rotierte Nagelsmann zuletzt großzügig durch, was ihm die Kritik von Hoeneß einbrachte. Allein: Was bleibt dem Bundestrainer anderes übrig? Schließlich hat er mit Aleksandar Pavlovic nur einen (fitten) Sechser zur Verfügung, der vom Niveau her für ein WM-Viertelfinale und aufwärts gemacht ist. Davor befinden sich ein wechselhafter Florian Wirtz, ein angeschlagener Kai Havertz, der in dieser Saison erst auf zehn Premier-League-Einsätze kommt – und Nick Woltemade, der im Jahr 2026 bislang exakt ein Tor erzielt hat. Dazu kommt die Formkurve von Jamal Musiala, die nach seiner langen Verletzung weiter enorme Schwankungen in seinen Leistungen aufweist.
Deutschland hat aktuell kein Trainer-, sondern ein Kaderproblem: Das WM-Aus von Serge Gnabry etwa ist für die DFB-Elf eine Art offensiver Genickbruch, während bei anderen Nationen dann halt der nächste hochtalentierte Zehner auflaufen würde. Entsprechend muss Nagelsmann jede Chance nutzen, um verschiedenste Lösungen für die Schwachstellen im Team zu testen. Deniz Undav könnte doch noch mal zum Startelfkandidaten werden, Angelo Stiller ein möglicher Partner für Pavlovic auf der Sechs. Und Leroy Sané, der nach seinem Wechsel in die türkische Liga nicht einmal mehr ein Kader-Kandidat war, könnte tatsächlich auch im Jahr 2026 bei einem großen Turnier auf dem DFB-Flügel starten.
All das hätte sich Nagelsmann natürlich anders gewünscht. Mit den Testspielen gegen Finnland und die USA hat er nun noch zwei Möglichkeiten, um eine zufriedenstellende erste Elf zu finden. Immerhin: Aufgrund der aufgeblähten WM kann Deutschland dieses Mal kaum in der Gruppe rausfliegen.V. TSCHIRPKE, P. KESSLER