Harold Kreis mit seinen Co-Trainern Sulzer (l.), French.
Wieder eine verschworene Truppe werden: Deutsche Spieler nach dem Test gegen die USA. © DEB/City-Press (2)
München – Das Wort ist nicht offiziell verboten, aber unerwünscht: Olympia.
„Was sollen wir jetzt noch von Olympia reden?“, stellt der deutsche Torhüter Philipp Grubauer die Gegenfrage, wenn er auf die Spiele von Mailand vor knapp drei Monaten angesprochen wird.
Unverständnis auch bei Bundestrainer Harold Kreis, wenn jemand noch einmal eine Nachbetrachtung der Winterspiele vornehmen will, bei denen ein opulent besetzter Kader sich nicht zur Mannschaft fand: „Jetzt sind andere Spieler hier. Und wir haben eine WM vor uns.“
Das stimmt, der Blick muss vorausgerichtet werden – und dennoch bestimmt das Erbe von Mailand die nähere Zukunft der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft. Bei der Weltmeisterschaft in Zürich (und Fribourg) wird sie im Vergleich zu Olympia unspektakulär besetzt sein, von den drei Weltklassespielern, die man hat, haben zwei abgesagt (Leon Draisaitl, Tim Stützle) – sie muss sich also neu strukturieren. Sie muss den Geist wiederfinden, der sie zu den großen Erfolgen der Vergangenheit (Olympia-Silber 2018, Vizeweltmeisterschaft 2023) geleitet hat. Und auch für Harold Kreis geht es um viel: den würdigen Abschluss seiner Karriere. Die Heim-WM 2027 soll der letzte Akt des heute 67-Jährigen sein. Bis zum Turnier in Düsseldorf und Mannheim läuft sein Bundestrainer-Vertrag noch – aber das könnte ins Wanken geraten, wenn wie bei der WM 2025 das Viertelfinale verpasst wird und sich der Abwärtstrend seiner mit WM-Silber begonnenen Ära fortsetzt.
Ein Problem in Mailand war, dass Kreis vom Team zu weit entfernt war. Im Olympischen Dorf hätte es nur ein Trainerbett gegeben, weil Kreis aber sich nicht von seinen Assistenten absetzen wollte, zog er zu ihnen ins Hotel. Folge: Von manchen Spieleräußerungen erfuhr er in Italien erst über die Medien, er wirkte wie ein Außenstehender, verloren war dadurch die Qualität des integren Kreis, von Mensch zu Mensch zu wirken. Bei der WM wird es zu keiner örtlichen Trennung kommen, das ist schon mal ein Plus. Wie sehr Kreis die Nähe schätzt, zeigt die von MagentaSport eingefangene Szene vom Sonntagabend in Mannheim, als er dem 34-jährigen Marcus Weber die endgültige WM-Nominierung mitteilte: „Du hast großartig gespielt. Wir sehen uns morgen um zehn im Bus.“
Zudem setzt Kreis In seinem Staff neue Akzente. Serge Aubin, der zum SC Bern wechselnde Berliner Meistertrainer, steht dem Deutschen Eishockey-Bund nicht mehr zur Verfügung, ihn ersetzt Mark French vom ERC Ingolstadt. Weiterer Co-Trainer ist Rob Leask aus München, der das Spiel aus erhöhter Perspektive sichten soll. „Er wird unser ,Eye in the Sky‘“, so Kreis.
Zwölf Spieler aus dem Olympia-Kader sind auch bei der WM dabei – auf die meisten kommt eine größere Rolle zu. In Mailand war es so gewesen, dass Verantwortung auf die Cracks aus Nordamerika abgeschoben wurde. Von den ganz großen Namen ist aber nur Moritz Seider dabei, der jedoch als fest ins DEB-Team integriert wird. „Wenn es machbar für ihn ist, dass er für uns spielt, dann macht er es“, freut Kreis sich über die Bereitschaft des Spitzenverteidigers aus Detroit, mit 25 bereits seine sechste WM zu spielen. Seider wird als Kapitän fungieren, stellt aber klar: „Wir reden von ,shared leadership‘. Wenn jemand was sagen will, kann er es sagen – ob er zum ersten oder achten Mal dabei ist. Wir haben genügend Assistenz-Kapitäne, die in ihren Heimatvereinen Verantwortung tragen.“
Auf dieser Basis soll wieder so gespielt werden, wie es zum Erfolgsmodell wurde, das etwa die Schweizer kopierten. „Es ist so, als hätten sie bei uns eine Seite rausgerissen und bei sich eingeheftet“, beschreibt Moritz Müller, der die WM als Experte für MagentaSport begleiten wird, wie der ursprünglich deutsche Spielstil beim Nachbarn, Vizeweltmeister 2024 und 25, Karriere gemacht hat. Daher heißt es bei den Deutschen: Zurück zur alten Identität. Moritz Seider beschreibt sie so: „Stolz, Wille, Leidenschaft – das sollte sich hervorheben.“GÜNTER KLEIN